Von Georg Rüschemeyer

Selbst wenn die Mähne ihnen den Namen eintrug: Lisztaffen brauchen keine Klaviermusik, sie bevorzugen Stille
01. Dezember 2009 Peggys musikalische Vorlieben schienen eindeutig: Spielte jemand auf dem Flügel des Hauses, kam die beige Promenadenmischung angerannt, machte es sich auf dem Teppich unter dem Instrument bequem und schlief ein. Übte der Sohn der Familie dagegen Cello, sprang sie auf und verließ das Zimmer.
Was genau missfiel der Hündin? War es die misslungene Interpretation des Stückes? Oder lag es schlicht an den dem Instrument eigenen Obertönen, mit denen selbst ein Yo-Yo Ma auf seinem Stradivari-Cello die Hundeohren beleidigt hätte?
Fragen, die nicht nur Hundehalter, sondern zunehmend auch Verhaltensforscher beschäftigen. Das Ziel dieser vergleichenden Musikkognitionsforschung ist es, herauszufinden, welche Aspekte des evolutionstheoretisch rätselhaften Phänomens Musik angeboren und welche kulturell bedingt sind. Und welche Grundlagen des Klangempfindens wir mit Tieren teilen.
Taubenklavier
Bereits zum Klassiker geworden sind hier die 1984 veröffentlichten Taubenstudien von Debra Porter und Allen Neuringer vom Reed College in Portland. In streng behavioristischer Tradition trainierten sie die Vögel, bei einem bestimmten Stimulus die eine, bei einem anderen Stimulus die andere von zwei Tasten zu drücken, um ein Stück Futter zu bekommen. Das Besondere waren die Stimuli: Taste 1 gab nur Futter, wenn gleichzeitig Bachsche Musik erklang, Taste 2 nur bei Passagen aus Strawinskys "Sacre du Printemps". Die Tiere brauchten zwar eine Weile, um den Unterschied zwischen Barock und klassischer Moderne zu kapieren, doch dann erwiesen sie sich als echte Kenner: Spielten die beiden Psychologen ihnen nun Buxtehude oder Scarlatti vor, so pickten sie auf die Bach-Taste, bei Walter Piston oder Elliott Carter dagegen zuverlässig auf Strawinsky.
Die Begabung zur musikalischen Diskrimination fand sich bald auch bei einer Reihe anderer Tierarten. So ließ der Unterschied zwischen Barock und Moderne auch Spatzen und Ratten nicht kalt. Und Koi-Karpfen, die auf Bach beziehungsweise John Lee Hooker trainiert wurden, wussten nachher genau, ob in ihrem Aquarium Blues oder Klassik ertönte - selbst dann, wenn alle Musikbeispiele monoton vom Synthesizer kamen.
Kunstkenner in Skinnerboxen
Nun unterscheiden sich Bach, Strawinsky und Hooker zweifellos in vielerlei Hinsicht. Woran also machten die Tiere ihr Urteil fest? Gezielte Studien zeigten, dass viele Vögel, Nagetiere und Affen konsonante und dissonante Akkorde sowie Melodien auch ohne musikalischen Kontext auseinanderhalten können.
Da staunt der Laie, aber der Experte wundert sich nicht wirklich: Spätestens seit den sechziger Jahren, die ungezählte Labortiere in sogenannten Skinnerboxen verbrachten, in denen sie auf immer gleiche Reize mit immer gleichem Tastendruck reagieren mussten, wissen Verhaltensforscher, dass viele Tierarten erstaunlich gut im Kategorisieren von optischen und akustischen Stimuli sind. Und sie können das Gelernte auch auf nie gesehene oder gehörte Varianten übertragen. So lernen sie sogar Gemälde von Picasso und Monet zu unterscheiden und wenden dieses Wissen auf andere Kubisten und Impressionisten an. Für etwas Futter sortiert eine hungrige Taube zur Not auch Maler und Komponisten - ein Beleg für ein dem Menschen ähnliches Kunstempfinden ist das allerdings noch lange nicht.
Keine Zweifel an dessen Existenz haben nur die Produzenten diverser "Musik für Tiere"-CDs, die "musikalische Leckerbissen" für Hund, Katze und Maus versprechen ("Ihr Nager wird begeistert sein!"). Dabei wird für Katzen Klassik empfohlen, während Vögel angeblich besser auf Rockmusik ansprechen.
Discomusik ist nichts für den Kuhstall
Wissenschaftliche Studien, die musikalische Vorlieben bei Tieren untersuchen, sind freilich rar. Eine der ersten stammt von dem deutschen Tierzuchtinspektor Georg Tartler, der 1936 den "Einfluss der Musik auf die Milchergiebigkeit der Kühe" untersuchte und diesen bei bestimmten Stücken als positiv bewertete. Seither schwören manche Landwirte auf Klassik im Kuhstall.
Erst im Jahr 2001 wiederholten die britischen Psychologen Liam McKenzie und Adrian North von der Universität Leicester Tartlers Kuh-Experiment unter besser kontrollierten Umständen. 340 Holsteiner Rinder wurden täglich zwölf Stunden lang mit Musik aus den Bereichen Pop, Klassik und Easy Listening beschallt. Tatsächlich fanden die Forscher Differenzen in der Milchausbeute von bis zu einem dreiviertel Liter. Ausschlaggebend war allerdings nicht der Stil, sondern das Tempo: Gemächliche Stücke wie Simon & Garfunkels "Bridge Over Troubled Water", aber auch Beethovens "Pastorale" regten das Euter an, flotte Disconummern ließen die Milch vorzeitig versiegen.
"Leider konnten wir nicht alle Kontrollversuche durchführen, weil auf einer der Versuchsfarmen die Maul- und Klauen-Seuche ausbrach", sagt Adrian North. Das soll nun eine gerade angelaufene Follow-up-Studie nachholen, die auch den Pegel von Stresshormonen im Speichel der Tiere erfasst. Damit ließe sich immerhin überprüfen, ob ruhige Musik auch auf Wiederkäuer eine entspannende Wirkung besitzt.
Lisztaffen mögen die Stille
Etwas direkter untersuchte der Kognitionspsychologe Josh McDermott vom Massachusetts Institute of Technology die musikalischen Neigungen südamerikanischer Lisztaffen. Die Äffchen, die tatsächlich so heißen, weil ihr Haarschopf an den Komponisten erinnert, konnten sich in einem V-förmigen Käfiggehege frei für einen der beiden Seitenarme und damit für unterschiedliche akustische Reize entscheiden. McDermotts Affen zeigten aber nur eine Präferenz: je leiser, desto lieber. Am allerbesten gefiel ihnen Stille. Ansonsten war ihnen die Musik gleich welcher Stilrichtung einerlei. Auch unterschiedlich konsonante Akkorde und selbst für Menschen schauderhafte Geräusche wie jener von Fingernägeln auf einer Schultafel interessierten sie nicht. In einem ähnelten sie aber zumindest den Kühen: Wenn es schon Musik sein musste, so bevorzugten die Affen Stücke in gemäßigtem Tempo.
Seine 2007 im Journal Cognition veröffentlichten Ergebnisse deutete McDermott als Indiz, dass der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Affe wohl noch keine angeborene Vorliebe für konsonante Klänge besaß. Im vergangenen Sommer berichteten japanische Forscher dann im Fachblatt Primates jedoch von einem Schimpansenbaby namens Sakura, das sich signifikant häufiger die wohlklingende Version eines Klavierstückes anhörte als eine mit Dissonanzen angereicherte Fassung.
Die kulturübergreifende Oktave
Gibt es also doch einen evolutionär alten, angeborenen Sinn für Wohlklang im Menschen? Dass uns zumindest ganz grundlegende musikalische Präferenzen schon in die Wiege gelegt sind, zeigen Studien an menschlichen Neugeborenen, die ebenfalls konsonante Akkorde und Melodien bevorzugen - selbst dann, wenn ihre Eltern taubstumm sind und eine vorgeburtliche musikalische Prägung weitgehend ausgeschlossen werden kann.
Zweifel an einer direkten genetischen Basis dessen, was wir als wohlklingend empfinden, nährt dennoch der Blick über den Tellerrand der abendländischen Musiktradition: Außer der Tatsache, dass alle Kulturen der Welt Musik kennen, lassen sich da nur sehr wenige musikalische Universalien ausmachen. Unumstößlich scheint nur die Regel der Oktavidentität zu sein, nach der zwei im Verhältnis 2:1 schwingende Töne als gleichartig empfunden werden. Ob man aber den so abgesteckten Tonraum in fünf, sieben, zwölf oder 19 Teilschritte gliedert, scheint weitgehend kulturell bedingte Geschmackssache zu sein.
So nutzt die klassische Musik Arabiens und Indiens Tonleitern, die sich auf einem westlich gestimmten Klavier nicht wiedergeben lassen, weil ihre Töne um Bruchteile eines Halbtons verschoben sind. Und trotzdem kann sich diese Musik durchaus auch in europäische Ohren einschmeicheln, wie der Erfolg arabischer Pop-Musik im Westen zeigt. Oft sind es eben erst die Abweichungen vom Erwartbaren, die das Salz in der Suppe der Tonkunst bilden.
Rhythmen für den Kakadu
Da es über deren Rezeptur schon unter Menschen kaum Einigkeit gibt, wundert es nicht, dass Tiere wenig Anzeichen für eine besondere Wertschätzung von Zweibeinermusik an den Tag legen, erst recht nicht, wenn sie ohne jede musikalische Sozialisation im Labor aufgewachsen sind.
Auf dem wenig beackerten Feld der animalischen Musikologie ist trotzdem noch viel Raum für Überraschungen. Die jüngste lösten im Mai zwei Studien in Current Biology aus, die sich einen bisher vernachlässigten Aspekt vorknöpften: das Rhythmusgefühl. Gerade die Fähigkeit, die eigenen Bewegungen dem Takt von Musik anzupassen, galt bisher als musikalisches Alleinstellungsmerkmal des Menschen, ohne das Ensemblemusik und Tanz undenkbar wären. Tiere gäben zwar auch rhythmisch gegliederte Laute von sich, ihnen fehle aber die Fähigkeit zur Synchronisation, lautete die Lehrmeinung.
Die ist nun allem Anschein nach widerlegt, dank Youtube. Denn in einem auf dem Videoportal über drei Millionen Mal angeklickten Video tanzt der Gelbhaubenkakadu Snowball zum Hit "Everybody" der Backstreet Boys in bester Discomanier: rechts, links, Wiegeschritt; dazu heftiges Kopfnicken und Haubenaufstellen. Und das alles so gut im Rhythmus, dass sich mancher Tanzschüler oder Mitklatscher im Musikantenstadl davon eine Scheibe abschneiden könnte.
Der Tanz ist echt
Nun hat man auf Youtube schon alle möglichen Fakes gesehen. Doch einer von Snowballs frühen Fans ist Aniruddh Patel. Der Biologe vom Neurosciences Institute in San Diego wollte es genau wissen und ließ den Kakadu nach Kalifornien einfliegen, wo er ihn zu künstlich verlangsamten oder beschleunigten Versionen seines Lieblingsliedes tanzen ließ. Tatsächlich konnte Snowball seine Schritte und Kopfbewegungen über einen weiten Tempobereich an die Musik anpassen und kleine Abweichungen schnell korrigieren - der Tanz war also echt.
Eine musikalische Inselbegabung? Snowballs Talent brachte die Harvard-Doktorandin Adena Schachner im Rahmen einer zweiten in Current Biology veröffentlichten Studie auf die Idee, Youtube nach weiteren Videos tanzender Tiere zu durchforsten. Von mehr als tausend Funden blieben nach einem strengen Auswahlverfahren 33 Aufnahmen übrig, auf denen wirklich synchron zur Musik gehüpft wird. Bemerkenswert daran: Bis auf einen indischen Elefanten waren alle Tänzer Papageien. Auf freier Wildbahn tanzen auch diese intelligenten Tiere nicht - woher stammt also ihre Begabung? Patel und Schachner sehen den Schlüssel dafür in der sprichwörtlichen Fähigkeit der Papageien zum Nachplappern.
Und wo bleiben die Haustiere?
Eine solche vokale Mimikry setzt, genauso wie die rhythmische Synchronisation, voraus, dass Gehörtes analysiert und in ein entsprechendes Bewegungsprogramm umgesetzt werden kann. Eine Gabe, ohne die auch das menschliche Sprachvermögen undenkbar sei, gibt Tecumseh Fitch, Professor für Kognitive Biologie an der Universität Wien, in einem Begleitartikel in Current Biology zu bedenken. Haben Sprache und Rhythmusgefühl also gemeinsame Grundlagen? Und wann haben sie sich beim Frühmenschen entwickelt? Fragen, denen sich Fitch durch den Vergleich von Tier und Mensch annähern will. Doch der wirft, wie so häufig in der Forschung, erst einmal nur weitere Fragen auf: Schimpansen und Gorillas, unsere nächsten Verwandten, trommeln zwar mit den Händen auf Äste oder auf die eigene Brust, um sich wichtig und akustisch größer zu machen - rhythmische Qualitäten hat derartiges Gelärm aber nicht.
Verwunderlich findet Fitch aber auch das Fehlen anderer Tiergruppen in Schachners Youtube-Studie. So fand sich darin kein einziger tanzender Singvogel, obwohl viele von ihnen durchaus zur vokalen Mimikry fähig sind. Und auch von den seit Jahrtausenden domestizierten Haustierarten hat offenbar keine ein Rhythmusgefühl entwickelt.
Am wackeligen Rhythmus des Cello-Eleven dürfte Peggys Abneigung also nicht gelegen haben. Doch woran dann? Studien zur caninen Musikalität fehlen bisher. Tierheilpraktiker wissen aus Beobachtung auch nur: Der Musikgeschmack bei Hunden ist hochgradig individuell.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Raimond Spekking
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