Erbgut des Schnabeltiers analysiert

Ein recht verrücktes Tier

07. Mai 2008 Teils Säugetier, teils Vogel und teils Reptil: Mit dem Erbgut des Schnabeltieres hat ein internationales Forschernetz nun den Bauplan des wohl ungewöhnlichsten aller Säugetiere entziffert. Die Tierart kann hervorragend schnuppern, elektrisch orten, sich mit Gift wehren, Eier legen und zudem ohne Zitzen durch die Bauchdecke säugen. Bei der Studie zeigte sich, dass die seltsame Mischung verschiedener Tierklassen bereits in den Genen abzulesen ist. Die Daten haben die Wissenschaftler aus acht Staaten unter Federführung der Washington School of Medicine (St. Louis) in „Nature“ (Bd. 453, S. 175) vom Donnerstag veröffentlicht. Sie schließen damit eine wichtige Lücke im Verständnis der Evolution der Säugetiere.

Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus), zur kleinen Ordnung der Kloakentiere gehörend, wird als Säuger klassifiziert, weil es seine Jungen mit Milch nährt und ein Fell hat. Aber es zeigt auch Eigenarten von Vögeln und Reptilien sowie einige einzigartige Eigenschaften: So ist sein Schnabel mit einem komplizierten Elektrosensor-System ausgerüstet, damit es - mit geschlossenen Augen, Ohren und Nüstern tauchend - unter Wasser seine Beute orten kann.

Außerdem haben männliche Schnabeltiere an ihren Hinterläufen Fortsätze, aus denen sie im Notfall wie Reptilien Gift ausstoßen können. „Einzigartig am Schnabeltier ist die Tatsache, dass es eine breite Überschneidung zweier sehr unterschiedlicher Klassifikationen bewahrt hat, während spätere Säugetiere sämtliche Eigenarten von Reptilien verloren haben“, erläutert Wes Warren, Genetik-Professor und Leiter des Projekts. Das Schnabeltier hat sich bereits vor rund 166 Millionen Jahren von den primitiven Säugervorfahren abgespalten und ist damit das vom Menschen am weitesten entfernte Säugetier.

Schlüssel für die Säugetier-Evolution

Die Forscherteams verglichen das Erbgut des Schnabeltieres mit denen von Mensch, Maus, Hund, Stinktier und Huhn. Danach teilt das Schnabeltier zu über 80 Prozent die Gene anderer Säuger. Bei der Suche nach genetischen Gemeinsamkeiten mit den Reptilien entdeckten die Teams, dass es ähnliche Verdoppelungen in bestimmten, für Giftproduktion verantwortlichen Gensequenzen gab. Faszinierender Weise hatten diese sich bei Schnabeltieren und Reptilien jedoch völlig unabhängig voneinander entwickelt. Überrascht waren die Forscher auch über den Fund ausgeprägter Geruchs-Rezeptor-Gene. Ähnliche Gene finden sich etwa bei Hunden, so dass die Forscher nun vermuten, dass auch das Schnabeltier sehr geruchsempfindlich ist und sogar unter Wasser riechen kann.

Mit rund 2,2 Milliarden Basenpaaren umfasst das Schnabeltier-Genom von der Menge her etwa zwei Drittel des menschlichen Genoms. Es hat 18 500 Gene, ähnlich wie andere Wirbeltiere, und stolze 52 Chromosomen, darunter ungewöhnlich viele Sexualchromosomen, nämlich zehn.
Der Direktor des National Human Genome Research Institutes in Bethesda, Maryland, Francis Collins unterstreicht die Bedeutung der Ergebnisse: „Auf den ersten Blick wirkt das Schnabeltier wie ein Unfall der Evolution. Aber so verrückt das Tier auch aussieht, seine Genom-Sequenz ist unbezahlbar für das Verständnis von biologischen Prozessen der Säugetier-Evolution.“



Text: FAZ.net
Bildmaterial: F.A.Z.-Dieter Rüchel

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