Ebola

Erst der Gorilla, dann der Mensch?

Von Thomas Scheen und Cord Riechelmann, Johannesburg/Berlin

10. Dezember 2006 Wer sich eine gemütliche Vorstellung von der Evolution als eines langsam - sehr langsam - voranschreitenden Prozesses gemacht hat, kann sich zur Zeit an Hand der Meldungen über die verheerenden Wirkungen des Ebola-Virus unter den Gorillas in Zentralafrika eines Besseren belehren lassen. Gerade in der Kampfzone zwischen Mikrobe und Wirt ist die Evolution alles andere als langsam und schon gar nicht gemütlich. Das 1976 in Kongo und Sudan erstmals identifizierte Ebola-Virus ist heute schon in mehreren Varianten bekannt. Das Virus kann schnell mutieren, also andere Formen annehmen. Noch beängstigender ist allerdings die Tatsache, daß es sich auch immer neue Wirte erschließt.

Hieß es bis vor kurzem noch, Ebola werde nur durch den direkten Kontakt mit erkrankten Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas auf den Menschen übertragen, so muß man jetzt befürchten, daß auch andere Säugetiere zum Überträger werden können. Durch den Nachweis von Ebola-Antikörpern in Wildschweinen ist ein geradezu heimtückischer „neuer“ Pfad des Virus zum Menschen in den Blick geraten. Und heimtückischer als es die Affenwirte sind, ist das Wildschwein schlicht deshalb, weil die Schweine im Unterschied zu den Affen nach bisherigen Kenntnissen selbst nicht an Ebola erkranken.

Erhitzte Labor-Umgebung

So unheimlich das auch sein mag, es ist aber trotzdem für Menschen weniger bedrohlich als etwa neue Grippeviren. Das hat mit dem Übertragungsweg zu tun. Während Grippeviren durch eine sogenannte Tröpfchen-Infektion übertragen werden - vielleicht, weil einen jemand im Bus oder Büro anatmet oder anhustet -, zieht man sich das Ebola-Virus zu, indem man infiziertes Fleisch ißt. Ein anderer Übertragungsweg ist der direkte Blutkontakt. Beides läßt sich leicht vermeiden, indem man sich beispielsweise verendeten Tieren nur mit entsprechender Schutzkleidung nähert. Und natürlich darf man ihr Fleisch nicht essen.

Das sagt sich im satten Europa ziemlich leicht. Und die Gorillas und Schimpansen rettet es auch nicht. Aber es gibt zumindest zwei Aspekte der aktuellen Ausbreitung des Ebola-Virus, die bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen dem afrikanischen Dschungel und westlichem Wirtschaften und Forschen deutlich machen. Der eine ist die enorme Geschwindigkeit, mit der die Gensequenzen der verschiedenen Viren und ihre möglichen Infektionswege entziffert worden sind. Das geschieht alles in amerikanischen oder europäischen Laboratorien. Es hat eine gute und eine bedenkliche Seite. Die gute ist, daß man auf diesem Wege auch schneller einen Impfstoff gegen die Krankheit finden kann. Die bedenkliche ist, daß damit auch das Virus selbst in buchstäblich erhitzte Labor-Umgebungen verfrachtet wird, in denen sich auch seine Evolution beschleunigt. Und in welche Richtung die sich bewegt, läßt sich nach Charles Darwin nicht berechnen. Viren zu kultivieren ist gefährlich.

Ebola bricht urplötzlich aus und verschwindet wieder

Der zweite Gesichtspunkt betrifft die Wälder von Kongo selbst. Sie gehören zu den Urwäldern der Welt, in denen Bäume mit einer bisher nicht gekannten Geschwindigkeit abgeholzt werden, damit man aus ihnen, beispielsweise, mehrlagiges belgisches, deutsches oder amerikanisches Toilettenpapier herstellen kann. Den Holzfällern wird dabei häufig eine Lizenz zum Töten gegeben: zum Erlegen von „Bush-Meat“. Zum Bush-Meat zählen in Kongo auch Affen. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Rodung der Urwälder, dem Erlegen von Affen, dem Verzehr ihres Fleisches und dem Überspringen des Ebola-Virus auf den Menschen.

Das Virus ist weitaus gefährlicher, als die Meldungen über die nun unmittelbar vom Aussterben bedrohten Flachlandgorillas vermuten lassen. Ebola ist neben dem Marburg-Virus eine der gefährlichsten Virus-Erkrankungen überhaupt, sie endet in den meisten Fällen mit dem Tod. Das Virus, das sich über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten rasend schnell überträgt, verursacht schwere innere Blutungen. Eine Therapie dagegen gibt es schlichtweg nicht. Unkalkulierbar an Ebola ist außerdem, daß dieses Virus urplötzlich ausbricht und nahezu alles tötet, was mit ihm in Verbindung kommt, um dann genauso plötzlich und spurlos wieder zu verschwinden - manchmal für Jahre. Dann wieder tritt die Seuche an Orten auf, die keinerlei Verbindung mit dem vorhergehenden Herd haben.

Affenfleisch als Delikatesse

Und immer wieder springt das Virus auf Menschen über. Zuletzt starben 2004 sieben von 17 Infizierten in Südsudan an der Seuche. Im Jahr zuvor hatte das Virus zum zweiten Mal innerhalb von Jahresfrist in der sogenannten Cuvette gewütet, einem Regenwald, der sich von der gabunischen Grenze bis zur ehemals zairischen Grenze quer durch die Republik Kongo zieht. Von den insgesamt 178 Infizierten überlebten nur 20. Das neue an der Infektion in Mbombo im November 2003 aber war, daß sie durch den Verzehr eines Wildschweins verursacht worden war. Bis dahin hatte man angenommen, das Virus werde zumindest in Zentralafrika in erster Linie durch den Verzehr von Affenfleisch übertragen, das dort als Delikatesse geschätzt wird.

Die ersten Erkrankungen von Menschen an dem Virus waren 1976 in Yambuku in der kongolesischen Provinz Equateur (Kongo-Kinshasa) entdeckt worden. Damals erkrankten 318 Personen, 280 starben einen qualvollen Tod. Im gleichen Jahr brach die Seuche im sudanesischen Nzara wieder aus und forderte innerhalb weniger Tage mehr als 150 Menschenleben. Weil die beiden Herde weit auseinander liegen und zunächst kein direkter Zusammenhang hergestellt werden konnte, wurden die Viren in „Zaire-Ebola“ und „Sudan-Ebola“ unterschieden, wobei ersteres eine Mortalitätsrate von nahezu 90 Prozent aller Infizierten aufwies.

Sonderbare Form von Ebola

Im Laufe der Jahre kamen noch zwei weitere Ebola-Arten hinzu: „Ivory-Ebola“, benannt nach der Elfenbeinküste in Westafrika, und „Reston-Ebola“, das zum ersten Mal in Amerika auftrat. Das ivorische Ebola-Virus war 1994 bei einer Schweizer Studentin entdeckt worden, die im Tai-Regenwald an der liberianischen Grenze einen toten Schimpansen gefunden und diesen ohne Schutzvorkehrungen quasi auf dem Küchentisch seziert und sich dabei geschnitten hatte. Die Frau überlebte ihre Erkrankung knapp.

Das Reston-Virus wiederum ist eine sonderbare Form von Ebola und war 1989 erstmals in einer Quarantänestation für Laboraffen in Texas gefunden worden. Vier Mitarbeiter des Instituts infizierten sich damals mit dem Virus, das von importierten philippinischen Affen stammte. Sie entwickelten Antikörper, doch brach die Krankheit bei ihnen nie aus. Von den 1848 seit 1976 an Ebola erkrankten Menschen starben nach Angaben des amerikanischen „Center for Diseases“ 1286 und somit 70 Prozent aller Kranken.

Fledermäuse als Überträger

Aufgrund der unterschiedlichen Mortalitätsrate bei den Infizierten der jeweiligen Ebola-Viren und weil die Seuche sowohl abrupt ausbrach als auch blitzschnell verschwand, mißt man ihr in ihrem Verbreitungsgebiet eine beinahe mystische Bedeutung bei. Selbst gebildete Menschen in Kongo vermuteten den Herd des Virus in einer mysteriösen Grotte am Ebola-Fluß in Nordkongo, in die sich angeblich Elefanten (die dort kaum noch vorkommen) zum Sterben zurückziehen und aus der noch nie ein Lebewesen heil wieder herausgekommen sei.

Jenseits dieser veterinärtechnischen Variante des Voodoo scheint das Trägertier des Ebola-Virus eine ordinäre Fledermaus zu sein. Wissenschaftler des in Gabun beheimateten Internationalen Zentrums für Medizinische Forschung hatten bei den Ebola-Ausbrüchen 2001 bis 2003 drei Fledermaussorten eindeutig als potentielle Herde identifizieren können. Die These gewann dadurch Überzeugungskraft, daß einer der ersten Fälle von Ebola - 1976 in Sudan - sich in der Nähe einer Baumwollfabrik ereignete, in der sich Scharen von Fledermäusen eingenistet hatten.

Gleichwohl ist dieser Befund beängstigend. Wenn der Infektionsweg zum Mensch nicht allein über den Verzehr von infiziertem Fleisch, sondern auch durch den Kontakt mit Fledermäusen zustande kommt, kann sich Afrika auf allerhand gefaßt machen. Denn die Landwirtschaft speziell in der Cuvette, einem für Ebola besonders empfänglichen Regenwaldgebiet, arbeitet sich immer weiter in den Wald vor - und damit in die Heimat der Fledermäuse.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.12.2006, Nr. 49 / Seite 12
Bildmaterial: AP, F.A.Z., obs, picture-alliance / dpa

 
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