Dinosaurier

Ich hab' noch einen Dino in Berlin

Von Michael Stang

Der Schädel des Brachiosaurus ist auffallend klein und leicht gebaut

Der Schädel des Brachiosaurus ist auffallend klein und leicht gebaut

14. März 2005 Manchmal bleibt die Zeit einfach stehen. Im Dinosauriersaal kann man die Vergangenheit nicht nur sehen, sondern auch riechen - eine Mischung aus Staub und altem Gemäuer steigt in die Nase, auch das Fehlen von Putzmitteln oder Klimaanlagen teilt sich mit. Und das muß so sein, denn ohne die Spuren der Zeit würde den Ausstellungsräumen etwas fehlen.

Die roten Säulen sind verblaßt, und die Farbe an den Wänden blättert leicht ab. Die Holzrahmen, in denen Fischsaurier gezeigt werden, haben schon bessere Tage gesehen. Und trotzdem sind die Jahre seit der Eröffnung der Ausstellungshalle 1889 ein Klacks im Vergleich zu der Zeit, die die Exponate in Gesteinsschichten bereits überdauert haben.

Alle wollen den Brachiosaurus sehen

Wertvollstes Fossil des Museums: Ein Archaeopteryx

Wertvollstes Fossil des Museums: Ein Archaeopteryx

Die alten Mauern haben zwei Jahrhundertwenden, zwei Weltkriege, ein geteiltes und ein wiedervereinigtes Deutschland und einige Brände erlebt und beherbergen das, was die Wissenschaftler gerne als "Registraturen" des Lebens bezeichnen - die paläontologische Sammlung ist das Herzstück und der Zuschauermagnet des Museums. Alle wollen den Brachiosaurus sehen. Und natürlich auch das zweite, nicht minder berühmte Exponat des Museums: den Archaeopteryx. Der Urvogel, von dem weltweit nur acht Exemplare bekannt sind, gilt als das Bindeglied zwischen den Kriechtieren und den Vögeln. Er ist das schwerwiegende Argument der Evolutionstheorie Charles Darwins und ist schon lange im Besitz des Museums.

Der Archaeopteryx lithographica ist damit das berühmteste Fossil, mit dem die organische Evolution belegt wird. Gefunden wurde dieses Exemplar 1877 bei Eichstätt in den Solnhofener Plattenkalken in Bayern, dem sogenannten Lithographenschiefer. Das Fossil stammt aus den Schichten des weißen Jura und hat damit ein Alter von etwa 125 Millionen Jahren. Es war nicht einfach, das Exemplar nach Berlin zu bekommen: Das seltene Stück wurde auch vielen Museen im Ausland angeboten, aber die Berliner Wissenschaftler wollten nicht noch einen Archaeopteryx verlieren, nachdem ein heute als "Londoner Exemplar" bekannte Fossil ein paar Jahre zuvor nicht in Deutschland gehalten werden konnte.

Hervorragend erhalten

"Aber dieses Mal gelang es dem Museum, die damals schwindelerregende Summe von 26 000 Mark aufzubringen", sagt Wolf-Dieter Heinrich, Kustos für fossile Säugetiere. Durch ein Darlehen von Werner von Siemens konnte 1880 der Urvogel neben weiteren Fossilien erworben werden. Das Besondere am Archaeopteryx ist, daß er schon Federn besaß, aber noch Finger mit Krallen hatte, dazu einen langen knöchernen Schwanz und statt eines Hornschnabels einen knöchernen Kiefer mit Zähnen. Im Gegensatz zu dem ersten bekannten Archaeopteryx, ebenjenem "Londoner Exemplar", war das Berliner Fossil bei seiner Einbettung in den Bodenschlamm des Jurameers noch nicht zerfallen - sogar der Kopf des Vogels ist hervorragend erhalten.

Das Original mit einer Körperlänge von 45 und einer Spannweite von rund 60 Zentimetern bekommt der Besucher aber nicht zu sehen. Lediglich eine Replik wird, umrahmt von anderen Urvogelabgüssen, im Sauriersaal gezeigt. Das echte Fossil liegt im Obergeschoß des Museums fest verschlossen imTresor. Es mutet etwas seltsam an: In dem großen, dunklen Raum, an dessen letzte Renovierung sich kein lebender Mitarbeiter mehr erinnern kann.

Bewacht von Videokameras

Er ist vollgestopft mit unzähligen Fossilen, die in und auf Schränken liegen, steht ein Tresor, bewacht von einer Videokamera. Aber nicht nur seinen Inhalt hat die Kamera im Blick. Vor dem Tresor steht auf einem Schrank der Originalschädel des Brachiosaurus in einem Glaskasten, der ihn vor äußeren Einflüssen wie Staub, Luftfeuchtigkeit und Diebstahlschützen soll. Anders als im Sauriersaal wirkt der Schädel auf einmal doch nicht mehr so winzig.

Die Vorderfront des Museums um 1900

Die Vorderfront des Museums um 1900

Natürlich weiß man, daß sogar einige Halswirbel größer als der ganze Schädel sind, aber Auge in Auge mit dem Riesensaurier ist der Gedanke an einen winzigen Schädel doch eher unpassend. Beim deutlichen Hinschauen sieht man einige Spuren der Restauration, Risse wurden geflickt und kleine fehlende Teile ersetzt. Längst nicht alle Fossilen des Museums konnten so gut restauriert werden, dafür sind es einfach zu viele.

Über 100.000 fossile Wirbeltierobjekte

Insgesamt lagern weit über 100.000 fossile Wirbeltierobjekte in den Archiven des Museums. In seinem Keller befindet sich der Knochensaal, wo die Überreste von Mammuts, Sauriern und Mastodonten, den ausgestorbenen Ur-Elefanten, liegen. In dem langen, schmalen Raum stehen große Regale mit zahlreichen Knochen, die zum Teil mehrere hundert Kilogramm wiegen.

Nur eine Nebenrolle spielt dieser Dicraeosaurus hansemanni im Sauriersaal

Nur eine Nebenrolle spielt dieser Dicraeosaurus hansemanni im Sauriersaal

An der Wand ragen die Langknochen von Sauropoden, den großen pflanzenfressenden Sauriern. Schienbeine, Oberarmknochen und Oberschenkelknochen, alle mannshoch. Fast alle stammen von der legendären Ausgrabung der Tendaguru-Expedition in Ostafrika 1909 bis 1913. Dort wurden unter der Leitung von Werner Janesch viele Saurier des Oberjuras gefunden.

Tyrannosaurus rex mit Karies

Mehr als 500 einheimische Arbeiter halfen bei der Arbeit an der bedeutendsten Dinosaurierfundstätte der Welt. Die Knochen mußten zu Fuß in die fast 100 Kilometer entfernte Küstenstadt gebracht werden. die Transportkisten wurden zum größten Teil vor Ort angefertigt. Mit Stroh als Verpackungsmaterial verschnürt, wurden die wertvollen Fundstücke mit dem Schiff nach Deutschland gebracht, später in Berlin präpariert und untersucht.

Einige der damaligen Expeditionskisten liegen bis heute ungeöffnet in den Kellnern des Museums und warten darauf, ihren Inhalt preiszugeben. Und dieses Material sorgt nach wie vor für Überraschungen. Immer wieder entdekken darin die Wissenschaftler neue Pflanzen und Tiere. Charophyten (Grünalgen), Ostracoden (Muschelkrebse), Eidechsen und sogar Kieferreste und Zähne von Säugetieren wurden in dem als Abraum bezeichneten Material entdeckt. Aber auch kleinere Fundstücke beherbergt der Knochenkeller. In Holzregalen liegen unter anderem auch Zähne des bekannten Tyrannosaurus rex, an denen die Wissenschaftler sogar krankhafte Veränderungen wie etwa Karies feststellen konnten.

Weit über 5000 Schubladen

Ein paar Stockwerke höher im Museum befindet sich der Devonsaal. Benannt ist er nach dem Zeitalter Devon, das vor 410 bis 360 Millionen Jahren durch die damaligen Kontinente Gondwana und Euramerika sowie einen hohen Meeresspiegel und warmes Klima gekennzeichnet war. Neben den Trilobiten (Dreilappenkrebs) traten auch die ersten Tetrapoden (Vierfüßer) auf. Das Devon war aber vor allem das Zeitalter der Fische, dort erschienen die ersten kieferlosen Fische mit Knochenpanzer (Ostracodermi) und Knorpelfische (Haie, Rochen), im Süßwasser gab es auch Lungenfische. Im Devonsaal mit weit über 5000 Schubladen liegen die Reste dieser Zeit.

Der Name Saal ist vielleicht ein wenig übertrieben, und ebenso wie im gegenüberliegenden Karbonsaal hat die Zeit hier deutlichere Spuren als in den anderen Sammlungen hinterlassen. Der Karbonsaal steht mit seinen Objekten im Zeichen der Kohle für eine Zeit vor etwa 355 Millionen Jahren, die etwa 65 Millionen Jahre dauerte. Aus dieser Zeit sind vor allem Pflanzen wie etwa Farne gut erhalten. Auf Tischen und Schränken des ehemaligen Hörsaals liegen versteinerte Platten mit den Fossilien herum, wieder viel mehr Objekte, als die vorhandenen Schränke fassen können. Die alten Arbeitsgeräte bilden eine Art Museum im Museum.

Der Raum wirkt unheimlich

Eine große Lampe, die nicht nur Licht spendet, sondern auch jede Menge Wärme, steht direkt neben einem Karren, dessen Holzräder noch mit Eisen beschlagen sind. Diese Geräte werden immer noch benutzt. Sie funktionieren ebenso wie das schwarze Telefon mit hoher Gabel und Wählscheibe, das technische Neuerungen aus vergangenen Zeiten repräsentiert. Der alte Dachstuhl aus Holz knackt. Das Dach wurde von sowjetischen Pionieren nach einem Brand im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. "Der Geschichte nach," sagt Dieter Korn, Kustos für Wirbellose, "sollen sich damals die Russen von den in Alkohol eingelegten Objekten aus der zoologischen Sammlung ernährt haben." Die Fenster haben sie zugemauert, und durch das wenige Licht, was die Mauerritzen hergeben, wirkt der Raum recht unheimlich.

Gespenstisch wirkt auch fast die unglaubliche Anzahl aller Objekte des Museums. Weit über 25 Millionen Exemplare kann es sein eigen nennen. Damit gehört das Berliner Naturkundemuseum sowohl von der Qualität der Exponate als auch allein von der Anzahl der Objekte zu den fünf größten naturhistorischen Museen der Welt. Und nach wie vor ist das Museum nicht nur ein Ort der Archivierung, sondern auch der Forschung. Im September 2000 gab es eine weitere Expedition nach Tendaguru in Ostafrika. Dabei entdeckten die Forscher weitere Fossiliengruppen, auf die ihre Vorgänger vor knapp einhundert Jahren nicht gestoßen waren. "Das Augenmerk war da ein anderes. Vor allem kleine Säuger, die den Dinosauriern zwischen den Beinen rumgeflitzt sind, waren von Interesse", erzählt Wolf-Dieter Heinrich. Nun konnten die Forscher zum ersten Mal von dieser legendären Fundschicht ein genaues geologisches Richtprofil erstellen und die verschiedenen Lebensräume der damaligen Zeit rekonstruieren. Jetzt wissen sie, in welcher Umgebung die Saurier dort lebten: zwischen Lagunen, Küstenebenen und Nadelholzhinterland.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,13.03.2005, Nr.10/ Seite 72
Bildmaterial: AKG, Naturkundemuseum Berlin

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