Von Diemut Klärner
19. Mai 2004 Dekorativ ist der Amerikanische Stinktierkohl zweifellos. Im Frühjahr prunkt dieses Aronstabgewächs mit leuchtend gelben Hochblättern, die jeweils einen stabförmigen Blütenstand umgeben. Ringsum sprießen sattgrüne Blätter, die allmählich bis zu siebzig Zentimeter in die Breite wachsen und bis zu anderthalb Meter in die Länge. Damit stellt der Amerikanische Stinktierkohl (Lysichiton americanus) alles in den Schatten, was die hiesige Flora für den Uferbereich von Waldbächen bereithält. Tatsächlich macht sich der Stinktierkohl hierzulande auf Kosten der einheimischen Pflanzenwelt breit.
Das haben Beate Alberternst und Stefan Nawrath von der Universität Frankfurt am Main bei ihren Untersuchungen im Taunus herausgefunden. Dort erkundeten sie nicht bloß, wie stark sich das fremdländische Gewächs bereits ausgebreitet hat. Sie erprobten auch, wie es sich am besten wieder loswerden läßt. Gemeinsam mit betroffenen Gemeinden, Forstämtern und Naturschutzverbänden rücken sie dem Amerikanischen Stinktierkohl nun systematisch zu Leibe.
Warum dem Kohl zu Leibe rücken?
Doch warum soviel Aufwand um eine Pflanze, die fern der Heimat einen neuen Lebensraum erobert? Schließlich ist sie nicht die einzige. Von der Kanadischen Goldrute bis zum chinesischen Götterbaum sind bislang rund vierhundert Pflanzenarten aus aller Welt in Deutschland heimisch geworden.
Die meisten dieser sogenannten Neophyten haben sich allerdings dort angesiedelt, wo die Natur ohnehin nachhaltig von Menschen geprägt ist, an Verkehrswegen und auf Brachflächen, vornehmlich im Stadtbereich. Hingegen ist der Amerikanische Stinktierkohl in sensible naturnahe Biotope eingedrungen. Im Quellgebiet und am Oberlauf von Bächen verdrängt er seltene Moose sowie Blütenpflanzen wie das Sumpf-Veilchen und die Grüne Waldhyazinthe.
Süßlich-muffiger Geruch
In diese Gesellschaft konnte der Amerikanische Stinktierkohl nur mit menschlicher Hilfe gelangen. Vom Taunus abgesehen, ist er hierzulande vereinzelt in Parks und Gärten anzutreffen, vor allem als markante Zierstaude am Ufer von Teichen. Begeistert von diesem schmucken Gewächs, meinte ein Zeitgenosse wohl, auch die freie Landschaft damit verschönern zu müssen. Und das, obwohl das Naturschutzgesetz in Hessen wie auch in anderen Bundesländern solch eigenmächtiges Herumgärtnern in freier Natur aus gutem Grund untersagt.
Vermutlich Ende der siebziger Jahre gezielt angepflanzt, gedeiht der Amerikanische Stinktierkohl mittlerweile in stattlicher Zahl an etlichen Bächen, die im Umkreis von Feldberg und Altkönig entspringen. Wie in seiner angestammten Heimat wächst er mit Vorliebe an ausgesprochen sumpfigen Stellen, gewissermaßen mit den Füßen im Wasser. Die Frankfurter Wissenschaftler aus der Abteilung Geobotanik und Ökologie entdeckten insgesamt 78 Bestände. Kräftige Exemplare treiben im Frühling ein bis zwei stabförmige Blütenstände, die einen süßlich-muffigen Geruch verströmen
Blütenstände abschneiden genügt nicht
Anscheinend locken sie auch hierzulande diverse Fliegen und andere Insekten an, die für Bestäubung sorgen. Bis zum Spätsommer reifen an solch einem Blütenstand einige hundert Samen. Wenn sie herabfallen und gleich an Ort und Stelle keimen, steht der Amerikanische Stinktierkohl bald dicht an dicht. Für andere Pflanzenarten bleibt dazwischen kaum noch Raum. Einige Samen schwimmen auch mit dem Wasser davon und keimen bachabwärts. In Amerika werden sie zudem von Nagetieren und Vögeln als Nahrung gesammelt und dabei in weitem Umkreis verschleppt. Ob hiesige Eichhörnchen und Meisen ebenfalls an diesen Samen Geschmack finden und so zur Verbreitung beitragen, ist allerdings noch ungeklärt.
In Großbritannien und Irland ist der Amerikanische Stinktierkohl mancherorts schon seit langem großflächig verwildert. Im übrigen Europa bleibt der Taunus zwischen Oberems und Bad Homburg bisher das einzige Gebiet, in dem er sich stark ausgebreitet hat. Nach Einschätzung von Beate Alberternst ist er dort auf bestem Weg, sich dauerhaft zu etablieren. Doch noch scheint es möglich, ihn daran zu hindern.
Einfach die Blütenstände abzuschneiden genügt allerdings nicht. Zwar könnte sich die Pflanze in der jeweiligen Saison nicht weiter vermehren, aber im nächsten Jahr würde er neue Blüten bilden. Und das auf lange Sicht - eine Pflanze kann bis zu 75 Jahre alt werden. Deshalb empfiehlt es sich, sie an der Wurzel zu packen. Junge Exemplare lassen sich leicht aus dem Boden ziehen. Bei großen Pflanzen reicht die Wurzel dagegen so tief, daß sie bloß gekappt werden kann. Wenn das im Frühling praktiziert und im Spätsommer wiederholt wird, treiben nur zwanzig Prozent im folgenden Jahr wieder aus.
Gemeinsam gegen den Stinktierkohl
Die Frankfurter Botaniker sind zuversichtlich, daß ihre Strategie langfristig Erfolg haben wird. Schon seit 2001 gehen sie immer wieder gegen den ungeliebten Einwanderer vor. In diesem Mai hat man begonnen, alle bekannten Vorkommen im Taunus umfassend zu bekämpfen. Bei ihrer großangelegten Aktion gegen den Amerikanischen Stinktierkohl können die Frankfurter Forscher mit breiter Unterstützung rechnen. Das Forstamt Königstein beteiligt sich, ebenso die Stadt Bad Homburg, lokale Gruppen des Bundes für Umwelt und Naturschutz und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.
Nicht zuletzt haben auch zahlreiche Privatleute zugesichert, zugunsten der naturnahen Bachtäler tatkräftig mit anzupacken. In den kommenden Jahren gilt es dann immer wieder, nach überlebenden Exemplaren zu fahnden. Wer den Amerikanischen Stinktierkohl ganz und gar loswerden will, braucht einen langen Atem.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004, Nr. 116 / Seite N2
Bildmaterial: AP