Von Diemut Klärner
31. Januar 2007 Ob am Nordseestrand oder am Mittelmeer - wer in angeschwemmtem Tang und Seegras herumstochert, sieht oft kleine Krebstiere behende davonhüpfen. Kaum größer als ein Zentimeter, kann der Strandfloh (Talitrus saltator), auch als Sandhüpfer bekannt, bis zu dreißig Zentimeter weit springen. Was die Richtung betrifft, orientiert er sich am Stand der Sonne. Außerdem nutzt der Strandfloh sein lokales Umfeld als Wegweiser, wobei den Farben große Bedeutung zukommt. Das haben kürzlich Wissenschaftler um Alberto Ugolini und Silvia Somigli von der Universität in Florenz herausgefunden.
Die Untersuchungsobjekte stammten von einem Strand der südlichen Toscana. Dort sind die Strandflöhe auf feuchten Sand angewiesen, sollen sie bei sonnigem Wetter nicht austrocknen. Kein Wunder also, dass sie Richtung Meer zu entkommen versuchen, wenn sie zeitweilig in einer leeren Plastikschale einquartiert werden. Dass sie sich dabei nicht ausschließlich am Sonnenstand orientieren, bewies ein schwarzer Pappstreifen am Rand der Plastikschale. Wenn er die Landseite markierte, hüpften die Strandflöhe noch zuverlässiger in die entgegengesetzte Richtung, wie die italienischen Forscher in der Zeitschrift Journal of Experimental Biology (Bd. 209, S. 2509) berichten. Wurde der künstliche Horizont zur Seeseite verschoben, zeigten sich die kleinen Krebstiere merklich desorientiert. Im Großen und Ganzen wandten sie sich allerdings noch immer in die Richtung, die ihnen ihr Sonnenkompass vorgab.
Lieber Farbe statt grau
Als die Forscher den Rand der Plastikschale dann auf der Landseite grün und auf der Seeseite blau färbten, sprangen die Strandflöhe auffallend zielgenau Richtung Wasser. Im Zweifelsfall ignorierten sie zugunsten der bunten Streifen sogar den Stand der Sonne: Wurde ihr Horizont auf der Landseite blau gefärbt und auf der Seeseite grün, so hüpften sie geradewegs landeinwärts. Dass es tatsächlich auf die farbigen Akzente ankommt, belegen Experimente mit unterschiedlichen Grautönen. Solch ein tristes Ambiente konnte die Versuchstiere nie zu einer Kehrtwendung animieren.
Dass sich die Strandflöhe vom blauen Mittelmeer angezogen fühlen, erlaubt es ihnen, ihren angeborenen Richtungssinn den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Die Orientierung an einem solchen ortsabhängigen Wegweiser kann sogar lebensrettend sein. Die kleinen Krebstiere sind auf solche Hilfe beispielsweise angewiesen, wenn es sie an einen fremden Strandabschnitt verschlägt. Liegt das Meer dort in einer anderen Himmelsrichtung, würden sie von ihrem gewohnten Sonnenkompass fatal in die Irre geführt. Dass Strandflöhe durchaus lernfähig sind und sich auf eine neue Umgebung einstellen können, hatten einschlägige Experimente bereits bewiesen.
Text: D.K. / F.A.Z., 31.01.2007