Darwins Briefe

In England galt die deutsche Universität als Vorbild

Diese Fotografie von Julia Margaret Cameron aus dem Jahr 1868 verschickte Darwin gerne an Korrespondenten.

Diese Fotografie von Julia Margaret Cameron aus dem Jahr 1868 verschickte Darwin gerne an Korrespondenten.

06. August 2008 Fünfzehntausend Briefe hat das „Darwin Correspondence Project“ erfasst. Nun erscheint der umfangreiche sechzehnte Band, der Darwin im Austausch mit einer Vielzahl von Korrespondenten zeigt.

Herr White, im 1859 erschien Charles Darwins "Entstehung der Arten", das Gründungswerk der Evolutionstheorie. Wie stellt sich die Situation in England neun Jahre danach dar?

Dazu gibt es in dem neuen Band ein lustiges Fundstück. Es ist eine Karikatur, die Thomas Henry Huxley gezeichnet hat, einer von Darwins leidenschaftlichsten Anhängern. Die Skizze zeigt Darwin als Bischof und einen deutschen Forscher, den Physiologieprofessor Wilhelm F. Kuhne, der um Audienz bittet. Huxley schreibt in einem Brief: "Sie werden das rare Vergnügen haben, zu sehen, wie Ihre Ideen schon zu Lebzeiten triumphieren."

Es sieht also gut aus für Darwin?

Erst 1871, als "Die Abstammung des Menschen" erscheint, wird die Kritik wieder schärfer.

st es Zufall, dass Huxleys Zeichnung einen deutschen Forscher abbildet?

Wissen Sie, mich erstaunt immer wieder, wie viele deutsche Bücher, Zeitschriften, Aufsätze Darwin in seiner Bibliothek führt. Nach den englischen Publikationen ist es das größte Konvolut. Wenn er ein Thema recherchiert, blickt er nach Deutschland, um sich auf den neuesten Forschungsstand zu bringen.

Dabei sprach Darwin nicht einmal gut Deutsch.

Bei seinen Korrespondenten entschuldigt er sich immer. Aber er liest die Bücher sehr sorgfältig, das zeigen uns die Randnotizen. Wenn es sprachlich zu schwierig wird, lässt er sich die Texte übersetzen.

Es gibt das berühmt gewordene Zitat Darwins von 1868, dass Deutschland der "Hauptgrund für die Hoffnung" sei, seine Ansichten würde sich durchsetzen. War das eine Schmeichelei?

Darwin schreibt es an Wilhelm Preyer, einen Physiologen. Ich wüsste nicht, warum er ihm schmeicheln soll.

Also?

Ich nehme an, dass er sich auf die Situation der Wissenschaft in Deutschland bezieht. Die Reformer des englischen Universitätssystem blickten in diesen Jahren nach Deutschland. Huxley startete eine Kampagne, um weiter mit Deutschland mithalten zu können.

Was war anders in England?

Wissenschaft, "science", wurde hier sehr stark als Gegensatz zu den klassischen Fächern empfunden, als Bedrohung. Unter dem Dach des deutschen Begriffs von Wissenschaft konnten Naturwissenschaften, Geschichte, das Studium von Sprachen viel selbstverständlicher zusammengebracht werden. Aus der englischen Warte sah man, dass es in Deutschland mehr Geld, mehr Ressourcen, mehr Forschung, mehr staatliche Unterstützung und eine bessere Ausbildung gab. Physiologen gingen zum Studium nach Deutschland, Psychologen auch.

Gibt es noch Überraschungen im Briefwechsel, auf die man sich freuen kann?

Das Darwin Correspondence Project hat etwa fünfzehntausend Briefe erfasst. Wir wissen, dass viele fehlen, weil in anderen Briefen auf sie Bezug genommen wird. Insofern bieten Auktionshäuser immer wieder neue Funde an.

Sind die Briefe zu teuer, um sie zu kaufen?

Letztes Jahr tauchten plötzlich zwei Briefe in einem Auktionshaus auf: Sehr lange, detaillierte Briefe zu wissenschaftlichen Fragen, aus dem Jahr 1860, also kurz nachdem "Entstehung der Arten" erschien. Die Cambridge University Library hat sie für etwa vierzigtausend Pfund gekauft.

Das ist viel Geld.

In Cambridge befindet sich die weltweit größte Sammlung von Darwin-Briefen und Manuskripten. Man will sicher gehen, dass wirklich wichtige Briefe, die auftauchen, auch in diese Sammlung eingehen.

Warum sind so viele Briefe erhalten?

Zum einen, weil sie für ihn sehr wertvoll waren. Er benutzte sie als Forschungsgrundlage und ging sehr pfleglich mit ihnen um. Außerdem gibt es Hinweise, dass Francis Darwin, sein Sohn, ab den späten sechziger Jahren eine Art Sekretärsposten erfüllte. Aus diesen späten Jahren haben wir ungleich mehr Briefe. Davor hat er Briefe auch einfach verbrannt.

Verbrannt?

Er besaß einen großen Nagel, auf dem spießte er alle Briefe auf, die beantwortete oder erledigt waren. Sie sammelten sich dort, bis er sie in den Kamin schmiss.

Es scheint 1868 eine Explosion von Briefen zu geben. Band 16 von "The Correspondence of Charles Darwin" umfasst zum ersten Mal in der Geschichte des Projekts zwei Bände. Warum?

Im Jahr 1868 erscheint Darwins Buch "Das Variieren der Tiere und Pflanzen", heute weniger bekannt, aber sehr umfangreich. Daraufhin schicken ihm alle möglichen Leute - wie soll man's nennen - ihre kleinen Variationen.

Zum Beispiel?

Alphonse de Candolle, der Schweizer Botaniker, er ist ein ANTWORT: guter Fall: Er informiert Darwin über die wunderbare Fähigkeit, die in seiner Familien über mehrere Generationen hinweg zu beobachten sei, Lexika allein mit der Kraft der Stirnmuskeln liegend vom Kopf zu werfen.

Wie bitte?

Skurril, in der Tat.

Sehr. Bitte noch ein Beispiel.

John Jenner Weir. Er berichtet von einem Dompfaff, der einen deutschen Walzer pfeifen könne und dafür von seinen Artgenossen sehr bewundert werde. Darwin ist recht genervt von der Flut von Beispielen, die ihm nun ins Haus schwappt. Es schreiben ihm plötzlich auch Leute, mit denen er nie zuvor Kontakt hatte. Darwin ist inzwischen weltberühmt, es werden ihm viele Beobachtungen angeboten, wahrscheinlich auch mit dem Wunsch, Teil dieses Projekts zu werden.

Auch mit Fragen zur Religion?

Es gibt 1868 einen Korrespondenten, der irre lange Briefe an ihn richtet, in steigender Verzweiflung, weil ihm Darwin nicht antwortet. Sie lesen sich wie eine Predigt, er will ganz im Ernst Darwins Seele retten.

Ist das typisch, dass Darwin nicht antwortet?

Nein, wenn die Schreiben persönlich gehalten sind, antwortete er eigentlich immer. Zum Beispiel Mary Boole, die Frau des Mathematikers George Boole, sie schreibt ihm ein paar Jahre vorher und erklärt, dass es ihr ein persönliches Anliegen sei, weil sie Berichte in der Presse gelesen habe, dass Darwin und seine Lehren gegen die Religion seien, sie glaube das aber nicht und wendet sich direkt an ihn. Eine ihrer Fragen lautet, ob die natürliche Auslese der Vorstellung eines gütigen Gottes entgegenstünde.

Was antwortet Darwin?

Der Brief gefällt ihm offensichtlich. Er antwortet umgehend, dass es ihm tröstlicher scheine, das Leiden dieser Welt als eine Folge von Ereignissen zu sehen, und nicht auf das direkte Eingreifen eines Gottes zurückzuführen. Er dankt Boole für ihr Urteil, schreibt, dass er es schätze. Im übrigen plädiert er dafür, Theologie und Wissenschaft sollten eigene, getrennte Wege gehen. Das ist eher eine typische Antwort. Außerdem war sein Verhalten auch überraschend.

Wieso überraschend?

Bei der Bearbeitung des Briefwechsels im Jahr 1868 stießen wir auf Material, das zeigt, wie viel Zeit und Energie er aufgewandt hat, um den Ruf der Kirche in der Stadt zu schützen.

Was war das Problem in Downe?

Das Kurat in Downe war nicht gut bezahlt. Der Geistliche, der die Gemeinde betreute, ging 1866, weil er ein Grundstück in Scotland geerbt hatte. Er behielt aber das Recht, seinen Nachfolger zu bestimmen, ohne vor Ort zu sein. Es stellte sich heraus, dass der eine kaum da ist, der nächste Spendengeld stiehlt, wieder einer steht unter Verdacht, junge Frauen verführen zu wollen.

Oweia.

Viele Briefe drehen sich um diesen Fall. Darwin, sehr engagiert, nimmt eine Art Mittlerposition zwischen dem abwesenden Geistlichen und der Gemeinde ein.

Niemand beschwert sich, dass sich ausgerechnet Darwin um Kirchenbelange kümmert?

Nein, erst nicht. 1870 kommt ein neuer Geistlicher, der sich mit den Darwins nicht versteht. Sie mögen ihn nicht, er mag sie nicht. Am Ende schreibt auch er, dass er hoffe, Gott möge mit Darwin Erbarmen haben.

Die Fragen stellte Julia Voss.



Text: F.A.Z.

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