Von Frank Glaw und Miguel Vences
16. April 2008 Madagaskar ist das Paradies vieler Naturforscher – ein extrem gefährdetes Paradies. Die Tier- und Pflanzenwelt auf dieser großen Insel vor Afrikas Ostküste ist einzigartig. Die meisten Arten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Die Lemuren etwa – Halbaffen mit katzenartiger Schnauze und großen Augen – sind fraglos die prominentesten Vertreter unter ihnen. Fast schon unnatürlich bunt gefärbte Baumfrösche, bizarre dreißig Zentimeter große Plattschwanzgeckos – eine schier unermessliche Vielfalt von Kleintieren lebt in den Regenwäldern und Trockenregionen der Insel.
Seit mehr als fünfzehn Jahren beschäftigen wir uns in unseren Forschungsarbeiten mit diesem faszinierenden Mikrokontinent“ und arbeiten dabei eng mit Kollegen der Universität Antananarivo zusammen. Um eine tropische Tiergruppe – in unserem Fall hauptsächlich die Frösche und Reptilien – als Modell für evolutionsbiologische und tiergeographische Forschungen zu etablieren, ist viel Geduld erforderlich. Zunächst müssen alle Arten erfasst und ihre Verbreitung und Lebensweise dokumentiert werden, was beschwerliche Expeditionen in unzugängliche Regenwälder, Bergregionen und Dornbuschsavannen erfordert. Eine Sisyphus-Arbeit: Während in Deutschland vierzehn Arten von Froschlurchen vorkommen, leben auf Madagaskar 240 Froscharten auf einer nicht viel größeren Landesfläche. Und viele neue Arten werden noch immer jedes Jahr entdeckt.

Die Affenbrotbäume in den Trockengebieten sind Biotop und Symbol
Die Gefahr eines weltumspannenden Artensterbens
So faszinierend diese Entdeckungsarbeit ist, so frustrierend kann sie auch sein. Denn die Vielfalt der Tiere und Pflanzen Madagaskars ist extrem stark gefährdet. Häufig kehren wir nach einigen Jahren in zuvor kartierte Gebiete zurück, nur um festzustellen, dass der Urwald in der Zwischenzeit restlos gerodet worden ist. Die Ödnis der vielen oft vollständig baumlosen, von Erosion gezeichneten und fast menschenleeren Landschaften ist erschreckend, gerade wenn man am Tag zuvor noch die überquellende Natur in einem Regenwald vor Augen hatte.
Madagaskar wurde so zum Menetekel für ein globales, aber immer noch zu wenig beachtetes Phänomen: die Biodiversitätskrise – die Gefahr eines weltumspannenden Artensterbens.
Naturschutz – so schien es uns tatsächlich immer wieder – ist in Madagaskar fast aussichtslos geworden. Die Insel gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Im Unterschied zu anderen Tropenstaaten geht die Abholzung nicht so sehr auf das Konto profitgieriger Holzfirmen. Der Wald wird zum größten Teil von armen Bauern in Handarbeit zerstört. Durch Brandrodung gewinnen sie kurzfristig neue Acker- und Weideflächen, Bauholz und Holzkohle. All das sichert ihnen ein bescheidenes Auskommen, auch wenn sie bereits heute unter stark steigenden Reispreisen leiden. Dass dieser Raubbau schon mittelfristig die eigene Lebensgrundlage zerstört, sehen sie dabei nicht – noch nicht jedenfalls.
Verbliebene Naturwälder im Jahr 2020 verschwunden?
Gleich nachdem die ersten Menschen vor rund zweitausend Jahren Madagaskar von Südostasien aus besiedelten, ging es mit der Natur steil bergab. Als dann die Europäer kamen, waren bereits alle spektakulären Großtiere von der Insel verschwunden, darunter fast menschengroße Riesenlemuren, über drei Meter große Elefantenfußstrauße, Flusspferde und Riesenschildkröten. Die Zerstörung ging rapide und ungebremst weiter. Besonders dramatisch war der Waldverlust in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Im Jahr 1990 schlugen Forscher Alarm: Vergleiche von Luftbildaufnahmen aus dem Jahr 1950 mit Satellitenbildern von 1985 zeigten eine erschreckende Bilanz. Demnach hatte sich die Waldfläche in diesen 35 Jahren ungefähr halbiert, insgesamt neunzig Prozent waren bereits verschwunden. Bei gleichbleibendem Zerstörungstempo wären Madagaskars verbliebene Naturwälder im Jahr 2020 praktisch verschwunden.
Heute, zwölf Jahre vor 2020, sieht die Situation ein wenig besser aus als befürchtet: Für den Naturschutz auf Madagaskar ist es zwar fünf vor zwölf, aber eben noch nicht zu spät. Im Unterschied zu den bereits seit Jahrhunderten ausgestorbenen Großtieren scheinen die allermeisten Kleintiere bis heute überlebt zu haben, wenn auch zum Teil nur in kleinen, isolierten Restbeständen.
Eine einzigartige Chance für den Naturschutz
Im Jahr 2002 kam es zur politischen Wende: Mit Marc Ravalomanana als neuem Präsidenten Madagaskars wurde erstmals die Dringlichkeit des Naturschutzes im Land erkannt. Ein Jahr später erklärte er auf einer Konferenz im südafrikanischen Durban, die Schutzgebietsflächen in wenigen Jahren auf rund zehn Prozent der Landesfläche auszudehnen. Dieses mutige Ziel, die sogenannte Durban Vision“, ist eine einzigartige Chance für den Naturschutz. Bis Ende 2006 waren bereits zahlreiche neue Schutzgebiete identifiziert. Nun steht die Auswahl des letzten Drittels an.
Um bei der richtigen Prioritätenfindung zu helfen, haben sich 22 Forscher aus sechs Ländern zusammengeschlossen und die Verbreitungsgebiete von 2315 einzigartigen Tieren und Pflanzen analysiert. Wir sind mit den Amphibiendaten beteiligt. Die im aktuellen Heft der Zeitschrift Science“ (Bd. 320, S. 222) veröffentlichte Prioritätensetzung ist die bislang weltweit umfangreichste Analyse dieser Art. Mit einem neuartigen computergestützten Verfahren wurden die genauen Verbreitungsgebiete der Arten modelliert. Die kombinierte Analyse mit einer eigens entwickelten Software zeigte, dass es nicht wie im Naturschutz bisher oft üblich, eine einzelne Organismengruppe gibt, auf die man sich zu konzentrieren hat – deren Schutz den der anderen Gruppen mit sicherstellen könnte. Allein bei der kombinierten Analyse aller Gruppen konnte ein Modell entwickelt werden, welches bei einer minimalen Ausweitung der Schutzgebietsfläche einen Schutz aller Arten sicherstellt.
Neu entwickelte Verfahren können als Vorbild dienen
Mit der Studie liegt nun eine exakte Karte vor, die als Grundlage für eine Ausweitung der Naturschutzgebiete dienen kann. Ein interessanter Befund ist auch, dass nicht allein Madagaskars Wälder schützenswert sind, sondern auch einige bisher vernachlässigte Gebiete im zentralen Hochland und entlang der Ostküste, wo gerade unter den Fröschen viele bedrohte Arten vorkommen.
Die neu entwickelten Verfahren können auch als Vorbild dienen, wie Naturschutzplanung in anderen Ländern zu betreiben ist. Für kein anderes tropisches Land liegt bislang eine ähnlich detaillierte Datenbasis vor. Diese Datensammlung kam nur zustande, weil viele Spezialisten über Jahrzehnte bestimmte Tier- und Pflanzengruppen erfasst und untersucht haben. Biologische Grundlagenforschung kann also direkt in angewandten Naturschutz münden. Doch dazu ist eine langfristige Ausrichtung der Forschungsprojekte erforderlich. Verbesserte Förderung solch umfassender Arteninventare wird beispielsweise gerade auch in Deutschland benötigt.
Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung
Die nun vorgeschlagene optimierte Auswahl der Naturschutzgebiete kann nur ein erster Schritt sein. Schwieriger wird es nun, den Schutz der ausgewählten Gebiete zu verwirklichen. Denn schon heute sind einige Schutzgebiete großflächig mit Feldern, Plantagen und den allgegenwärtigen Zebu-Rindern durchsetzt.
Die madagassische Regierung hat 2004 eine Zukunftsvision Madagascar, naturally“ verfasst, die dem Erhalt der natürlichen Lebensräume eine große Bedeutung beimisst – nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des Naturtourismus. Zur Umsetzung ist der Madagascar Action Plan“ ins Leben gerufen worden. Dieser soll bis 2012 zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung führen. Darin verpflichtet sich Madagaskar nicht nur zu guter Regierungsführung, zur Verbesserung der Infrastruktur, zur Reform des Bildungssystems, zur Intensivierung der Landwirtschaft, zu einer effizienteren Familienplanung und zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums – ganz zentral ist darin auch der Schutz der Naturreichtümer.
Bevölkerung soll mit einbezogen werden
Madagaskar geht dabei einen ganz eigenständigen Weg. Die Bevölkerung soll unmittelbar mit einbezogen werden. Hierzu finden in allen Gemeinden öffentliche Versammlungen und Diskussionen statt, nach denen die Einzelpläne jeweils angepasst und weiterentwickelt werden. Teile des Aktionsplans werden sicher in der praktischen Umsetzung scheitern, doch der Ansatz ist vielversprechend. Madagaskar braucht kreative Konzepte und langfristige internationale Unterstützung, um seinen großen Artenreichtum für sich und den Rest der Welt zu bewahren. Die bisherigen Entwicklungen stimmen jedenfalls optimistisch. Das Paradies bekommt eine neue Chance.
Frank Glaw ist Kurator an der Zoologischen Staatssammlung München, Miguel Vences Professor für Evolutionsbiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Ihre Forschungsarbeiten in Madagaskar werden hauptsächlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Volkswagen-Stiftung unterstützt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Alison Cameron, Joachim Müller-Jung, M. Vences, Miroslav Honzák, Nasa, Piotr Naskrecki, Ronald Nussbaum, Steven J Phillips
