Von Diemut Klärner
11. Juli 2006 Nachts sind alle Katzen grau. Bei schwachem Licht überhaupt etwas zu erkennen ist schließlich wichtiger als ein farbiges Bild. Daß manche Nachtschwärmer das ganz anders sehen, wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt. Wie Almut Kelber von der Universität Lund herausgefunden hat, können verschiedene Nachtfalter aus der Familie der Schwärmer auch im Mondschein und sogar bei Sternenlicht noch Farben unterscheiden. Das zahlt sich offenbar aus, wenn es mitten in der Nacht ergiebige Nektarquellen zu finden gilt.
Wie sich bunte Blüten nach Sonnenuntergang den Insekten präsentieren, erkundete unlängst Sönke Johnsen von der Duke University in Durham (North Carolina). Gemeinsam mit Almut Kelber und anderen Wissenschaftlern aus Schweden, Spanien und den Vereinigten Staaten ermittelte er zunächst eine Vielzahl von Lichtspektren. In der Dämmerung ändert sich das Licht rapide und wird zunehmend blaustichig. Sternenlicht, dessen Intensität nur ein Hundertmillionstel des mittäglichen Sonnenscheins erreicht, spielt dagegen ins Rötliche hinein. Heutzutage wird es freilich fast überall, weit über die Stadtgebiete hinaus, von dem orangefarbenen Schein künstlicher Lichtquellen überdeckt.
Farbe hilft bei der Orientierung
Einschlägige Berechnungen zeigen, daß sich die relative Helligkeit gelber und blauer Blüten je nach Beleuchtung verändert. In Schwarz-Weiß betrachtet, sind solche Blüten deshalb vor einem Hintergrund aus Blattwerk mitunter nur schwer auszumachen. Wenn der Falter sie in Farbe sieht, heben sie sich dagegen stets deutlich von der grünen Umgebung ab (Journal of Experimental Biology, Bd.209, S.789). Auch bei spärlicher Beleuchtung wiegt dieser Vorteil offenbar die Nachteile des Farbensehens auf. Wer bunte Bilder sehen will, benötigt mehrere Typen von Sinneszellen, die jeweils für einen anderen Teil des Farbspektrums zuständig sind. Entsprechend gering sind die Lichtempfindlichkeit und die Auflösung.
Nachtfalter wie Weinschwärmer und Labkrautschwärmer sind freilich nicht die einzigen Tiere, die bei Mond- und Sternenlicht noch Farben wahrnehmen. Auch Geckos sind dazu fähig. Das haben Almut Kelber und Lina Roth von der Universität Lund unlängst bei einem nordafrikanischen Mauergecko (Tarentola chezaliae) beobachtet. Gewöhnlich werden Geckos erst in der Abenddämmerung munter. Ihre Vorfahren stammten freilich aus der Verwandtschaft der Eidechsen, und da sich diese Reptilien ganz auf die Sonnenseite des Lebens konzentrieren, bestehen die Sinneszellen ihrer Augen ausschließlich aus sogenannten Zapfen.
Trotz Dunkelheit ist die Welt farbig
Die sogenannten Stäbchen, die bei anderen Wirbeltieren bei spärlicher Beleuchtung einspringen, sind ihnen im Laufe der Evolution abhanden gekommen. Diese Ausstattung haben auch die Geckos geerbt. Mit dreierlei Zapfen, jeder auf eine andere Wellenlänge abgestimmt, scheinen ihre großen Augen fürs Farbensehen gut gerüstet. Denkbar wäre jedoch, daß sie zugunsten einer höheren Lichtempfindlichkeit auf bunte Bilder verzichten. Sie müßten die verschiedenartigen Zapfen bloß entsprechend verschalten.
Daß Geckos bei Sternenlicht tatsächlich noch Farben erkennen, bezeugen einschlägige Tests. Nach einer Trainingsphase wählten die Versuchstiere zielsicher den Farbton, bei dem eine leckere Grille als Belohnung winkte, und verschmähten Farbtafeln, die einen versalzenen Bissen verhießen (Journal of Experimental Biology, Bd. 209, S. 781). Wahrscheinlich gibt es außer Geckos und Nachtfaltern noch weitere Tiere, die ihre Umwelt selbst bei schwächster Beleuchtung noch farbig sehen. Zu den Kandidaten, denen die schwedischen Wissenschaftler ähnliche Leistungen zutrauen, zählen neben einigen Käfern und Spinnen auch die Nachtschwärmer unter den Bienen, die erst nach Sonnenuntergang von Blüte zu Blüte fliegen.
Text: F.A.Z., 12.07.2006, Nr. 159 / Seite 34
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