04. November 2008 Diesen Dienstag hatte sich Andrea Ypsilanti ganz anders vorgestellt. Eine kurze Sitzung im Landtag, Wahl zur hessischen Ministerpräsidentin (noch bevor ein anderer Hoffnungsträger in Amerika Präsident wird), Glückwünsche aus der ganzen deutschen Sozialdemokratie für so viel Durchsetzungskraft, Mut und Tüchtigkeit, gemeinsames Singen des Liedes Wir sind die jungen Pioniere und Bejubeln des neuen Zeitalters, das für Hessen angebrochen ist, bis in die frühen Morgenstunden.
Wahr geworden ist davon nur, dass Müntefering Frau Ypsilanti ordentlich nannte. Doch sie hatte sich diesen Tag offenbar schon so lange und so fest vorgestellt, dass sie bis zum Abend brauchte, um ihre maßlose Enttäuschung über die vier Dissidenten in ihrer Fraktion zu äußern.
Der Vorwurf Wählerbetrug, den andere Sozialdemokraten den Abweichlern sogleich machten, kam ihr aus nachvollziehbaren Gründen nicht über die Lippen. Aber auch keine andere Silbe der Selbstkritik, geschweige denn eine Rücktrittserklärung. Man muss sich auch nach ihrem ganz persönlichen Schwarzen Montag nicht allzu große Sorgen um sie machen: Andrea Ypsilanti ist die Alte geblieben, und ihre Partei findet das offenbar gut so.
Damit ist klar, dass mit dieser SPD in dieser Legislaturperiode keine Regierung mehr zu bilden ist. Aber auch die Grünen können nicht hinter den Koalitionsvertrag zurück, den sie den Sozialdemokraten abgerungen hatten. Daher sprachen sie sich - rette sich, wer kann - noch in der Nacht für die Neuwahl aus. Da diese der CDU und der FDP wie ein Geschenk des Himmels vorkommen muss, ist die Mehrheit für die Auflösung des Landtages schon so gut wie sicher. Hessen könnte im Januar wieder wählen. Dann wäre zwar ein ganzes Jahr durch Regierungsunfähigkeit verlorengegangen. Aber die Chancen stünden gut, dass es dabei bliebe.
Denn Frau Ypsilanti scheint sich nicht nur immer mehr zu einer Art Schutzpatronin für ein langes politisches Leben Kochs zu entwickeln. Sie kann ihm offenbar auch Wünsche von den Augen ablesen. Man dürfte gespannt sein, mit welchen Versprechen sie als Spitzenkandidatin gegen ihn in den Wahlkampf ziehen wollte. Koch hat aus seinen Fehlern gelernt. Sie dagegen scheint zu glauben, die charakterlosen Gesellen in ihrer Partei und andere fortschritts- und frauenfeindliche Kräfte hätten sie noch nicht genügend Fehler machen lassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa