Kommentar

Zählappell

Von Georg Hefty

01. Mai 2005 Seit 22 Jahren hat der Deutsche Gewerkschaftsbund nicht mehr unter so günstigen Umständen den 1.Mai feiern können. Zumindest, wenn man das Verbandsinteresse zum Maßstab nimmt. Am 1. Mai 1983 waren die deutschen Gewerkschaften nach zwölf günstigen Jahren in die Opposition geraten; Bundeskanzler Kohl (CDU) ließ sich nicht mehr so von einzelnen Gewerkschaftsführern vor sich her treiben, wie es seinen sozialdemokratischen Vorgängern ergangen war.

Und als die Gewerkschaften nach dem Ende der Ära Kohl glaubten, aufatmen zu können, dauerte die Erleichterung genauso lang wie die Amtszeit des SPD-Vorsitzenden Lafontaine als Bundesfinanzminister. Danach war der Kanzler und "Genosse der Bosse" Schröder zum SPD-Vorsitzenden geworden, und die Gewerkschaftsmitglieder erkannten, daß ihre Funktionäre keinen Einfluß mehr hatten - hunderttausendfach liefen sie den Vorgängern von Sommer, Bsirske und Peters davon.

Es konnte freilich nicht lange dauern, bis die neue Führungsgeneration im DGB der SPD klarmachte, daß der Mitgliederschwund der Arbeiterbewegung die Entmachtung der SPD nach sich ziehen werde. Selbst Schröder mußte das einsehen und dem Ruf nach Arbeitsteilung zwischen Regierungsführung und Parteiführung nachgeben. Aber Arbeitsteilung ist mit gleichlautenden Reden und gleichgerichteten Handlungen nicht erreicht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ideologische und programmatische Unterschiede für die unterschiedlichen Klientelen zeigten.

Seit Münteferings Kapitalismuskritik ziehen die Gewerkschaften zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder mit der Partei des Bundeskanzlers an einem Strang. Auf den Maikundgebungen gab es zwar Kritik der Zuhörer an Repräsentanten der SPD, aber das war (mit Ausnahme von Krawallmachern) nicht feindselig ablehnend, sondern fordernd gemeint: "Den Worten müssen jetzt auch Taten folgen!"

Doch was nutzt der Einklang mit der SPD den Gewerkschaften - und umgekehrt -, wenn die Partei die Wahlen in Nordrhein-Westfalen und vielleicht auch im Bund verliert und die möglichen Wahlsieger CDU und FDP sofort eine Antigewerkschaftspolitik betreiben werden? Dem könnte der DGB nur entgegenwirken, wenn er zu den Wahltagen wieder alle seine Mitglieder zu mobilisieren imstande wäre - aber gerade danach sah es bei den Zählappellen am 1. Mai nicht aus.



Text: F.A.Z., 02.05.2005, Nr. 101 / Seite 1

 
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