Leitartikel

Der Aufsteiger und die Weltmacht

Von Klaus-Dieter Frankenberger

19. August 2005 Als Emissäre Chinas und der Vereinigten Staaten neulich verabredeten, gemeinsam die Erweiterung des UNSicherheitsrates zu torpedieren, fand dies nur flüchtige Beachtung. Das war merkwürdig, zumal enge Verbündete Amerikas dieser "Verschwörung" geopfert werden sollen - die Aufwertung Japans zum ständigen Ratsmitglied will China mit aller Macht verhindern. Man wird darin nicht schon ein Schlüsselereignis für dieses und das nächste Jahrzehnt sehen wollen. Aber die Verabredung der Supermacht mit dem asiatisch-pazifischen Aufsteiger, den anachronistisch anmutenden Status quo in New York zu zementieren, ist an sich schon bemerkenswert. Zwingend stellt sich überdies die Frage, ob sich hier ein Arrangement andeutet, das für die internationale Politik stilbildend sein könnte (Washington und Peking haben mit Gleichgesinnten ein klimapolitisches Sonderbündnis geschlossen), und ob ein Zusammenprall dieser zwei "Giganten" tatsächlich schicksalhaft-unvermeidlich ist, wie behauptet wird.

Über einen solchen Zusammenstoß wird viel Reißerisches geschrieben. China werde die Vereinigten Staaten herausfordern - wirtschaftlich und politisch, ideologisch und militärisch - und ihnen die Vorherrschaft streitig machen. Was die Form dieses Kampfes anbelangt, so wird in düsterer Zukunftsdeutung eine militärische Konfrontation zwischen einem expansionistischen China und Amerika für "sehr wahrscheinlich" gehalten. Den Anlaß dazu könnte eine regionale Krise liefern, das Beispiel Taiwan wäre nicht weit hergeholt; weil es in der Tat naheliegt, wären europäische Waffenlieferungen an Peking gefährlich und töricht.

Zunächst ist eins festzuhalten: Noch immer sind die Vereinigten Staaten die dominante Weltmacht. Sie führen in fast allen Währungen der Macht. Richtig ist aber auch, daß in Richtung Asien Weltmachtpotentiale umverteilt werden. Offensichtlich handelt es sich bei dem Aufstieg Asiens - gemeint sind in erster Linie China und Indien - um eine säkulare Entwicklung: Er ist nicht immun gegen Rückschläge oder innere Krisen, aber unter den Bedingungen des globalisierten weltwirtschaftlichen Produzierens doch unaufhaltsam.

Diese Neuverteilung von Macht hat ein Ausmaß angenommen, das an frühere Perioden erinnert, in denen Emporkömmlinge das internationale System umkrempelten: an den Aufstieg der europäischen Mächte im siebzehnten, an den Aufstieg Amerikas Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Macht man die historischen Erfahrungen zum Maßstab für aktuelle Prognosen, dann werden auch die neuen Aufsteiger ihrem Zeitalter mit großer Wucht und Konsequenz ihren Stempel aufdrücken. Im Falle Chinas liefe das eben auf Herausforderung, Duell, Konfrontation hinaus. Es ist klug, den Rat der Geschichte zur strategischen Vorsicht ernst zu nehmen - doch die historische Analogie hat etwas Fatalistisches an sich.

Gemeinhin werden die sich neu bildenden Machtrelationen zwischen Amerika und China mit den Wirtschafts-, Handels- und Währungspositionen des kommunistisch regierten Landes begründet. Es stimmt: Die chinesische Wirtschaft wächst in einem atemraubenden Tempo, ihre Exporte nach Amerika wachsen dynamisch, Chinas Währungsreserven wachsen und wachsen - und Peking ist "treuer" Abnehmer amerikanischer Staatsanleihen, finanziert also zu einem nicht unwesentlichen Teil das amerikanische Zahlungsbilanzdefizit und ermöglicht so Amerikas Verbrauchern ein hohes Konsumniveau bei niedrigen Zinsen. Mit anderen Worten: Amerika ist abhängig von China - von einem China, das zudem kontinuierlich aufrüstet.

Man sollte es mit der Hypothese einseitiger Abhängigkeit nicht übertreiben. So beeindruckend die chinesischen Exportzahlen sind - sie sind Folge einer weithin offenen amerikanischen Volkswirtschaft; überdies steckt in einem von chinesischen Kunden nachgefragten amerikanischen Verkehrsflugzeug noch immer eine ungleich höhere Wertschöpfung als in chinesischen Unterhemden für westliche Verbraucher. Und was die Anlage der chinesischen Reserven und Pekings neue Währungspolitik anbelangt, so ist China nicht weniger an weltwirtschaftlicher Stabilität und an offenen Märkten interessiert als die anderen Wirtschaftsmächte. Boykottierte es amerikanische Schatztitel - als Vergeltung für gelegentliche protektionistische Aufwallungen im Kongreß -, dann schadete es sich selbst.

Die Wahrheit ist, daß die chinesische und die amerikanische Wirtschaft immer enger miteinander verflochten sind und beide Seiten ein Verhältnis gegenseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit auszubilden beginnen. Es kommt teuer, wenn man dieses Verhältnis belastet oder gar bricht. Und es ist dieses entstehende Interdependenzverhältnis, das sich wie ein großes Warndreieck militärischen Konfrontationen entgegenstellt. Das bedeutet nicht, daß ein militärischer Konflikt auszuschließen wäre, daß politische Dispute nicht eskalieren könnten (von handels- und währungspolitischen Streitereien abgesehen); und gewiß ist das Konfliktpotential, das im Ringen um den Zugang zu fossiler Energie liegt, beträchtlich. Aber die Wirtschaft knüpft ein Interessengeflecht, das machtpolitische Rivalitäten dämpfen kann.

Wenn demnächst der chinesische Präsident Washington besucht, dann tritt er sowohl als strategischer Konkurrent, der nur allzugern Amerikas Stellung und Einfluß in Asien schwinden sähe, als auch als strategischer Partner auf. Diese Ambivalenz zeigt sich nirgendwo deutlicher als im Fall Nordkoreas. Könnte Peking das nordkoreanische Regime dazu bringen, im Atomkonflikt einzulenken, wäre das ganz im Interesse der Regierung Bush; die strategische Lage hätte sich vollkommen verändert. Welchen Preis hätte Bush dafür zu entrichten? Die UN-Kandidatur Japans zum Beispiel? Und Bush wird Peking vielleicht noch im Konflikt mit Iran brauchen. Insofern ist Amerika auf dem Spielfeld der Weltpolitik nicht mehr allein. Fragt sich nur, auf welches Tor der Neue spielt.

Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 1

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