Leitglosse

Fehlinvestition

Von Matthias Rüb

04. November 2007 Jetzt ist in Islamabad das Kartenhaus der Demokratie und Stabilität zusammengebrochen, das Washington dort um Pervez Musharraf herum aufgebaut hat. Kurz vor der Notstandsdeklaration hatte Außenministerin Rice dem Präsidenten-General abermals ins Gewissen geredet, er möge nicht vom rechten Verfassungspfad abweichen. Nun herrscht Ratlosigkeit. Selbst angesichts des Trümmerhaufens tut Washington weiter so, als sei Pakistan noch immer das Bollwerk gegen den Islamofaschismus: Man ist enttäuscht über die Ausrufung des Ausnahmezustands, denkt aber nicht daran, Musharraf die finanzielle Unterstützung zu entziehen.

Mehr als zehn Milliarden Dollar Wirtschafts- und vor allem Militärhilfe sind seit 2001 an den vermeintlichen Verbündeten im Krieg gegen den Terrorismus geflossen. Dass die Investition in die 1999 per Militärputsch gegründete Musharraf KG höchst riskant gewesen sei, kritisieren viele seit langem. Bisher jedenfalls hat sie weder eine Sicherheitsrendite abgeworfen noch einen demokratischen Mehrwert. Im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus ist Pakistan die wichtigste Front nach dem Irak und noch vor Afghanistan. Könnten Taliban und Al Qaida in den Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans nicht nach Belieben schalten und walten, wäre der Kampf um Afghanistan vielleicht schon gewonnen. Doch Musharraf vermochte Waziristan weder mit Gewalt noch mit Worten unter Kontrolle zu bringen - ein Armutszeugnis für den General wie für den Präsidenten. Nun setzt Washington ausgerechnet auf die einstige Ministerpräsidentin Bhutto, die während ihrer Regierungszeit in den neunziger Jahren vor allem durch Nepotismus glänzte.

Die Vorwärtsverteidigung zur Ausbreitung der Demokratie ist ebenso integraler Bestandteil der Bush-Doktrin wie das Recht zum präemptiven Angriff gegen Gefahren, die noch nicht manifest sind. Seine Abkehr von der am 11. September 2001 spektakulär gescheiterten Realpolitik pflegt Bush mit dem Argument zu begründen, vor dem Epochenbruch "9/11" habe Amerika die Demokratie in der Welt zu oft auf dem Altar der Stabilität geopfert - und am Ende beides nicht bekommen. Nach acht Jahren realpolitischer Unterstützung für Musharraf fällt die Bilanz nicht anders aus: weder Stabilität noch Demokratie im muslimischen Atomstaat Pakistan.

Text: F.A.Z., 05.11.2007, Nr. 257 / Seite 1

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