Leitartikel

Auf dem Weg zum Euro-Islam?

Von Wolfgang Günter Lerch

16. Oktober 2006 Es ist der Ballast von Jahrhunderten abzuwerfen.

Vor etlichen Jahrzehnten veröffentlichte Bertrand Russell ein Buch mit dem Titel "Warum ich kein Christ bin". Der Denker bekräftigte in diesem Werk, daß er zwar manches an der christlichen Ethik schätze, aber das Christentum, wie alle Religionen, ablehne als Wunschvorstellungen der Menschen, die überdies in der Geschichte grausam gehaust und Wissenschaft wie Freiheit behindert hätten.

Natürlich erfuhren Russells Thesen Widerspruch, von theologischer wie von philosophischer Seite. Und von einfachen Gläubigen. Einen Teil davon, wie auch die Antworten des Philosophen, kann man in dem Band "Briefe an Bertrand Russell" nachlesen. Es bedrohte ihn damals freilich niemand mit dem Tod. Der Philosoph wurde 98 Jahre alt und starb friedlich im Bett. Das Christentum ging an dem Buch nicht zugrunde.

Ob auch Ibn Warraq friedlich sterben wird, weiß man hingegen noch nicht. Dieser muslimische, seit Jahren schon im Westen lebende Dissident muß sich verstecken, weil ihm ehemalige Glaubensbrüder nach dem Leben trachten. Unter einem Pseudonym veröffentlichte er ein islamkritisches Buch, das nicht von ungefähr den Titel trägt "Warum ich kein Muslim bin". Russell läßt grüßen. "Ibn Warraq" hieß ein muslimischer Freidenker im Mittelalter, auf den sich der Autor, der in seiner Jugend zum islamischen Fundamentalisten erzogen worden war, dann aber "abtrünnig" wurde, beruft. Die Polizei muß ihn bewachen - wie inzwischen etliche andere Islam-Kritiker in Europa.

Nichts illustriert deutlicher, was gegenwärtig den Unterschied zwischen dem säkularisierten Westen, im engeren Sinne Europa, und dem Islam ausmacht und was man tatsächlich als "Zusammenprall" der Kulturen charakterisieren kann. Dabei kann innerislamische Kritik inzwischen ebenso bedrohlich, gar tödlich sein wie die Kritik am Islam von außen. Da boten gerade die vergangenen Wochen einiges. Ein historisches Zitat, das der Papst in einem langen Kontext vortrug, rief mancherorts hysterische Reaktionen hervor. Das Christentum hingegen lebt seit wenigstens dreihundert Jahren mit Kritik aus allen weltanschaulichen Richtungen, ja, es kritisiert sich oft selbst am heftigsten. Und auch der "Imperialismus" erforscht sich selbst am gründlichsten.

Seit der Berliner Islamkonferenz ist wieder viel vom Euro-Islam die Rede. Innenminister Schäuble wünscht sich deutsche Muslime. Der angestoßene Dialog soll fortgesetzt und institutionalisiert werden. Ziel ist es, einen Islam zu entwickeln, dessen Lehre und Praxis mit der pluralistischen Demokratie und ihrer weltlichen Verfassung kompatibel sind. Doch ist ein Euro-Islam überhaupt möglich? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Der Islam, so sagen die einen, sei nun einmal ein Glaubenssystem, das den Menschen ganzheitlich erfasse, zwischen Sakralem und Profanem nicht unterscheide; das gelte für die Glaubenswahrheiten ebenso wie für die gesellschaftliche Wirklichkeit und auch die Politik. Diese Ganzheitlichkeit könne an wechselnde Verhältnisse angepaßt, aber nicht prinzipiell verändert werden.

Die Gegner dieser Auffassung führen ins Feld, mit dem so charakterisierten Islam sei allenfalls eine "essentialistische" Ausprägung gemeint, die sich am Ende des dritten Jahrhunderts der Hidschra herausgebildet habe und seither zum Islam an sich erklärt worden sei. Der Islam könne sehr wohl den Anforderungen der Moderne gerecht werden, wenn man Mut zur Interpretation zeige. Man sehe das an der Türkei, an Indonesien, an Malaysia und anderen Ländern, wo der Islam Fortschritte nicht verhindert, sondern ermöglicht habe. Reformerische Muslime sprechen in bezug auf Europa freilich nicht von Euro-Islam; sie verwenden lieber Begriffe wie "modernistische Auslegung" oder auch "Historisierung" der Quellen.

In den westlichen Gesellschaften sind die Muslime einem hohen Akkulturationsdruck ausgesetzt. Dem kann man durch Rückzug ins Ghetto begegnen (Stichwort Parallelgesellschaften) oder offensiv durch Veränderungen, welche die Substanz des Islams - die tägliche Orthopraxie und den Kern des Gottesglaubens und der Ethik - wahren, den oft historisch bedingten Ballast von Jahrhunderten aber abwerfen. Was diesen Ballast ausmache, ist dabei die entscheidende Frage. Daß Muslime ihre Kultur, ihre im Koran und in der Tradition wurzelnde Lebenswelt in den europäischen Ländern aufgeben werden, ist kaum zu erwarten. Maßstab für Veränderungen muß jedoch in Deutschland das Grundgesetz sein, seine Standards bei den Menschenrechten, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Religionsfreiheit, um nur die wichtigsten Punkte zu benennen.

Auf welche Weise die in Europa lebenden Muslime dies leisten, wie sie die ihnen wichtigsten Quellen - Koran und Hadith - so interpretieren und umgestalten, ist ihre Angelegenheit. Nicht nur die moderne europäische Philologie und Hermeneutik, auch der frühe Islam selbst hat Methoden der Koraninterpretation entwickelt, deren rationaler Ansatz geeignet wäre, so etwas wie einem Euro-Islam den Weg zu ebnen. Anfänge dazu sind schon gemacht, wie die Lehrstühle für islamische Theologie in Münster und Frankfurt zeigen. Eine akademische islamische Theologie, die den Obskurantismus vieler Koranschulen in Hinterhöfen obsolet macht, muß etabliert werden.

Es wird auch von den Europäern abhängen, ob unter ihnen lebende Muslime zur Schaffung eines wie auch immer genannten Islams voranschreiten, der sich in den von der etablierten Gesellschaft geschaffenen Rahmen einfügt. Umgekehrt muß von den Muslimen verlangt werden, in wachsendem Maße mitzuspielen. Drohungen gegen Forscher oder Künstler, gar Gewalttaten werden die Akzeptanz des Islams in Europa hingegen nicht fördern.

Text: F.A.Z., 17.10.2006, Nr. 241 / Seite 1

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