Leitartikel

Skeptiker auf Petri Stuhl

Von Heinz-Joachim Fischer

26. Juli 2005 Nicht wenigen Gebildeten unter den Verächtern von Religion, Christentum und Kirche wird zunehmend bewußt, daß der am 19. April von den Kardinälen aus allen Weltengegenden zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählte Joseph Kardinal Ratzinger gleichfalls ein Intellektueller ist. Mehr noch, die Avantgardisten des Zeitgeistes beschleicht plötzlich das Gefühl, nicht mehr die christliche Religion müsse sich am Anfang des 21. Jahrhunderts für ihr Dasein rechtfertigen, sondern sie selbst: Hat ihr „Fortschritt“ verläßlich der Menschheit gedient und den einzelnen als Person, seiner Würde entsprechend, vorangebracht?

Wie es scheint, haben sich durch eine päpstliche Sedisvakanz - durch die globale Aufmerksamkeit für den Tod des großen Papstes Johannes Paul II., durch die enorme Anteilnahme beim Abschied von ihm, durch die Wahl seines Nachfolgers in einem archaisch anmutenden Ritual und schließlich durch die Akklamation des Erwählten - die Fronten auf einmal verkehrt. Gerade noch lag die moderne Gesellschaft mit der Kirche, speziell der katholischen mit ihren unverrückbaren Glaubens- und Sittenlehren, über Kreuz. Gerade noch höhnten die Aufgeklärten, die Kirche sei ewig gestrig, der Zeit hinterher, nie gelinge es ihr, die Menschen von heute zu erreichen. Gleichsam zum Totlachen zitierten sie als Beweis dafür, was ein Papst Pius IX. am 8. Dezember 1864, feierlich als Schlußsatz seines „Syllabus“ nach der getreulichen Auflistung aller Zeitirrtümer, geschworen hatte: Der römische Bischof werde sich nie „mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der modernen Kultur versöhnen und anfreunden“.

Seit bald eineinhalb Jahrhunderten ist dies das Kronzeugnis der Fortschrittlichen gegen die Kirche. Selbst gut katholische Theologen genierten sich dieses als immer peinlicher empfundenen Antimodernismus. Bis vor vierzig Jahren, am 7. Dezember 1965, die Bischöfe des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Pastoralen Konstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ Versöhnung und Freundschaft mit der modernen Gesellschaft zu schließen schienen, mit 2309 Ja- gegen 75 Neinstimmen. Karol Wojtyla, der spätere Johannes Paul II., nahm als Erzbischof von Krakau an der Abstimmung teil; Joseph Ratzinger durfte als 38 Jahre junger Theologe nur zusehen.

In den mehr als 26 Jahren seiner Amtszeit hat Johannes Paul II. durch seine globale Präsenz bewiesen, wie sehr die Menschheit und seine christliche Milliarden-Gemeinschaft, unabhängig von ihrem jeweiligen Zivilisationsgrad, einander durchdringen. Noch als Kardinalsdekan hat Ratzinger die neue Geistesrichtung der Kirche angegeben. Sie richtete sich gegen den Relativismus der Moderne, „das heißt, das Sich-treiben-Lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit“; gegen die „Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten läßt“.

Diesem Wechsel des Pontifikatsprogramms haben die Kardinäle im Konklave zugestimmt. Gegen die Diktatur von Fortschritt, Liberalismus und moderner Kultur also! Das ist ein anderer Antimodernismus als der, den man bisher als versteckte oder offene, eingestandene oder verbrämte Gegenhaltung der Kirche gegen den jeweils aktuellen Zeitgeist und seine ideologischen „Ismen“ wahrzunehmen glaubte. Stets haben sich Katholiken die Errungenschaften von Naturwissenschaften und Technik ebenso selbstverständlich angeeignet wie andere Weltbürger; haben sie auch die Emanzipation der Gesellschaft im demokratischen Staat mitgetragen und mitgestaltet. Johannes Paul II. hat es durch sein ganzes Pontifikat beglaubigt. Aber zum Glück haben sich viele katholische Kirchenführer, Theologen und Gläubige, mit Sicherheit Joseph Ratzinger, die Fähigkeit bewahrt, mit geschärftem Glaubensbewußtsein die Geister der Zeit zu unterscheiden. Das ging nicht immer, ja oft nicht ohne Mißverständnisse ab und ließ Päpste und Bischöfe zuweilen wie die „Ritter von der traurigen Gestalt“ überholter Zeiten aussehen.

Seit hundert Tagen hat den Stuhl Petri ein intellektueller Skeptiker inne - nicht ein Kulturpessimist, der überall Untergänge sieht, sondern einer, der die offenbaren Schwächen der modernen Kultur, ihre Gefahren für die Seele des Menschen kennt und offenlegen wird; einer, der sich vom vermeintlichen Fortschritt nicht verblüffen läßt und den Wunderdingen der Moderne kühl ihren Zauber zu nehmen vermag; einer, der die Schönheit von Religion, Christentum und Kirche werbend dagegensetzt.

Dies ist am Beginn des dritten Jahrtausends um so wichtiger, als der Mensch überall als Gestalter der Geschichte und seines Geschicks, als Ingenieur der Gesellschaft und Manipulator der Moral, zukunftsfähig oder zerstörerisch für den gesamten Globus, auftritt. Da schadet es nichts, wenn sich die Glücksbringer der Moderne mit den alten Weisheiten von Kirche, Christentum und Religion auseinandersetzen und vor dem Bewährten früherer Zeiten Rechenschaft ablegen müssen, ob sie es in allem besser können. Benedikt XVI. wird ihnen keine intellektuelle Unredlichkeit, kein hohles Pathos, keine Götzen auf tönernen Füßen durchgehen lassen.

Man darf neugierig darauf sein, was der deutsche Papst jetzt in der Ferienstille der Alpen für diesen neuen Dialog auf gleicher Augenhöhe zwischen der neuen Zeit und der alten Kirche ersinnt und vielleicht bald in einer Enzyklika, einem feierlichen Rundschreiben an alle Menschen guten Willens, zu verkünden hat. In der nordwestitalienischen Alpenregion Aostatal, im Anblick eisbedeckter Berge ist er nicht weit von Turin, wo der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche vor einem guten Jahrhundert nach der Erfindung des Übermenschen am Hals eines Kutschengauls dem Wahnsinn verfiel.

Text: F.A.Z., 27.07.2005, Nr. 172 / Seite 1

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