Glosse Politik

Absurd

18. August 2005 csl. Das Szenario einer neuen Influenza-Epidemie, die das Leben von Millionen Menschen bedroht, ist beängstigend. Im dichtbesiedelten Asien könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis aus der Vogelgrippe eine Menschengrippe wird. Die globalen Handels- und Menschenströme würden einem neuartigen Virus die Ausbreitung überall in der Welt erleichtern. Doch es gibt auch Lichtblicke: Noch nie zuvor war die Menschheit mit derart solidem biologischen Wissen über das Influenza-Virus ausgestattet, noch nie standen so viele gutausgebildete Wissenschaftler bereit, um den Kampf aufzunehmen. Das Beispiel des Erregers der Lungenkrankheit Sars macht Mut. Binnen kürzester Zeit war es damals gelungen, den Erreger aufzuspüren, sein Erbgut zu sequenzieren, Schnelltests zu entwickeln und effektive Gegenmaßnahmen auszuarbeiten. Das Vertrauen auf die Wissenschaft würde aber mißbraucht, zögen die dem Gemeinwohl verpflichteten Politiker aus wissenschaftlichen Warnungen nicht auch Schlüsse. Ein Streit um zwanzig Millionen Euro Investitionen in die Impfforschung, wie ihn Finanzminister Eichel führt, ist angesichts der Dimension der Gefahr absurd.

Text: F.A.Z., 19.08.2005, Nr. 192 / Seite 10

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