20. September 2008 Wird man dieses Jahrhundert einmal amerikanisch nennen? Wohl kaum, wenn es so weitergeht. Jetzt jedenfalls, gegen Ende des ersten Jahrzehntes, stehen die Vereinigten Staaten an einem Tiefpunkt.
Man fühlt sich an die Mitte der siebziger Jahre erinnert: den Ölpreisschock, das Ende des Bretton-Wood-Systems mit dem goldwerten Dollar, schließlich die Flucht der letzten Marines vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon. Danach wählten die Amerikaner einen politischen Nobody aus Georgia, Jimmy Carter, als vermeintlichen Erlöser ins Weiße Haus. Auch das erinnert an die aktuelle Obamanie.
Al Qaidas mörderischer Erfolg
Gleichwohl heißt Saigon auch heute noch Ho-Chi-Minh-Stadt - nach dem Mann, an dem sich Eisenhower, Nixon und Ford nacheinander die Zähne ausbissen. Und bis heute ist der Vietnamkrieg ein Beleg für die Chancen asymmetrischer Krieger, ein Symbol der Verletzlichkeit einer Macht, deren militärisches Arsenal ausreicht, die Welt zu vernichten. Nicht, sie zu beherrschen.
In diesem Jahrhundert ist ein neues, mächtiges Symbol hinzugekommen: der Fall der Türme des World Trade Center. Der mörderische Erfolg des Qaida-Kommandos zumindest an Ground Zero wird dessen kühnste Erwartungen übertroffen haben - mit dem Zusammenbruch der triumphalen Riesen hatte niemand, hatten auch sie nicht gerechnet. Das Ziel wählten die Terroristen gleichwohl mit Bedacht, es verknüpft die militärische Herausforderung mit der Kampfansage an Amerikas vorherrschende weltwirtschaftliche Rolle - sie sollte 1942 das amerikanische Jahrhundert begründen.
Die stürzenden Türme, ein Bild aus dem mythischen Menschheitsschatz, konnten von Zeichendeutern als Verheißung gelesen werden: So viel Schrecken das Fanal in Amerika selbst und bei seinen Partnern und Freunden verbreitet hat, so viel Hoffnung, Zuversicht oder auch Ehrgeiz weckte es bei Amerikas Feinden. Als die einen weinten, lachten, tanzten und feierten die anderen.
Jetzt folgt der tödliche zweite Schlag
Der Gegenschlag fiel robust aus. Zuvor jedoch platzte, beschleunigt durch den 11. September, die erste große Spekulationsblase eines neuen, technologischen Marktes. Schon damals wurde weithin Vertrauen in das amerikanisch dominierte und definierte Wirtschaftssystem erschüttert; es haben ja nicht nur junge Zocker ihr Buchgeld verloren, sondern Hunderttausende Sparer und Rentner wurden von nachhaltigen Einbußen betroffen.
Und die neuliberale Ideologie, die nach der Implosion des Sowjetblocks in ein geistiges Vakuum des Westens eingeströmt war, erhielt damals ihren ersten heftigen Schlag (von der CDU auf dem Leipziger Parteitag dramatisch verkannt). Jetzt, im zweiten, vielleicht noch nicht ausgestandenen Crash innerhalb eines Jahrzehnts, bekommt sie den zweiten, letalen.
Die andere amerikanische Strömung, aus denselben - auf ihre Weise auch asymmetrischen - Gefühlen von Überlegenheit und Übermacht gespeist, die nach dem Ende des Kalten Krieges ihren Aufschwung nahm, war der Neukonservatismus, der die Außenpolitik George W. Bushs maßgeblich beeinflusst, ja eigentlich bestimmt hat. Ihr Grundgedanke: eine den Vereinigten Staaten zugefallene machtpolitische Alleinstellung entschlossen zu nutzen, um chronische außenpolitische Problemzonen, insbesondere im Nahen Osten, nicht mehr mit diplomatischen Mitteln, sondern gleichsam chirurgisch zu behandeln. Also letztlich unter Einsatz von Militärmacht.
Lieber ohne Partner
Daraus folgte gleich dreierlei: zunächst die Aufrichtung einer neuen, der Bush-Doktrin, die ein vorbeugendes militärisches Interventionsrecht postuliert. Sodann die Aufweichung rechtsstaatlicher Grundsätze nach außen und innen, soweit sie der Verwirklichung dieser Politik im Wege stehen. Schließlich drittens: eine Aushöhlung des westlichen Bündnisses, weil Washington im Zweifel lieber ohne Partner operierte, als mit Partnern nicht zu operieren. All das verband und verbindet sich zu einer Haltung und Ausstrahlung, die man als autonom oder autistisch bezeichnen mag. Manche nennen sie zynisch.
Doch wie auch immer das Urteil ausfällt: Diese Politik untergräbt Amerikas Ansehen in der Welt. Zugleich sind ihre Misserfolge unübersehbar. Dabei steht zu fürchten, dass sie noch gar nicht ganz ausgekostet sind. Es mag sein, dass Afghanistan/Nordpakistan und der Irak sich einer neuen, gar demokratischen Stabilität nähern. Wahrscheinlicher ist, dass diese Regionen sich in Transition befinden und am Ende womöglich schlimme Verhältnisse in schlimmere verwandelt werden. Politische Niederlagen hat Amerika auch in Nordkorea, in Iran und zuletzt in Georgien hinnehmen müssen; sein Einfluss in Europa kann kaum mehr als konstruktiv beschrieben werden.
Alles in allem: die Fackel flackert. Vielleicht endet ja mit Bushs Präsidentschaft die amerikanische - ökonomische wie geostrategische - Ellbogenpolitik.
Text: F.A.S.