06. Juli 2009 Ausnahmsweise muss an dieser Stelle eine Vermisstenanzeige stehen. Gesucht wird die CSU: Ihre Spuren haben sich nach der Landtagswahl verloren, als die anarchischen Gene der Bayern ihr den Verlust der absoluten Mehrheit bescherten. Richtig, es gibt immer noch eine Formation, die sich CSU nennt. Doch dahinter verbirgt sich die Seehofer-Partei, die nur entfernt verwandt ist mit jener Kraft, die über Jahrzehnte das Land zwischen Spessart und Karwendel alleine regierte.
In der CSU war vor ihrem Verschwinden die Welt fest gefügt. Den Ton gaben erprobte, ja sehr erprobte Männer an, die im siebten Lebensjahrzehnt standen. Die CSU schien die Zukunftspartei für die älter werdende Gesellschaft zu sein. Die Fünfzig- bis Sechzigjährigen galten als Nachwuchstalente, die sich durchaus einmal im Kabinett oder im Parteivorstand äußern durften – angemessene Kürze vorausgesetzt.
Guttenberg gibt den Luther
In der Seehofer-Partei ist von den milden Winden des Alters nichts mehr zu spüren; in ihr brausen jugendliche Stürme mit einer solchen Gewalt, dass auch das Haupt des Parteijupiters hinter dunklen Wolken verschwindet. Dass Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg den marktwirtschaftlichen Luther gibt, der sich den Wünschen des Unternehmensretters Seehofer widersetzt – hier stehe ich, ich kann nicht anders“ –, ist nur eine Facette des Generationendramas in der Partei.
Seehofer hat eine Verjüngung angestoßen, die ihn, der soeben sechzig Jahre alt geworden ist, zu verschlingen droht. Sein Kokettieren damit, dass es für ihn auch ein Leben nach der Politik gibt, enthält mehr als ein Gran Angst. Seine Partei prägen die Dreißig- bis Vierzigjährigen: Guttenberg, Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner, Umweltminister Söder, Finanzminister Fahrenschon, Sozialministerin Haderthauer, Generalsekretär Dobrindt.
Der mediale Magnetismus Guttenbergs verdeckt die inhaltliche Breite dieses jugendfrischen Tableaus. Söder öffnet seine Partei, völlig losgelöst von alten CSU-Dogmen, für eine schwarz-grüne Machtoption; er bringt sie auf einen ökologischen Kurs, bei dem der alten CSU Hören und Sehen vergangen wären. Die Abkehr von der Gentechnik in der Landwirtschaft, die Relativierung des Ausbaus der Donau, die Forcierung des Klimaschutzes – Söder färbt die Seehofer-Partei kräftig grün ein.
Der Schutz der Schöpfung hat zwar in der CSU eine lange Tradition mit der frühzeitigen Gründung eines eigenen Fachressorts; ein Teil ihres Erfolgs gründete auf dieser ökologischen Sensibilität. Aber in Zielkonflikten gaben meist wirtschaftliche Gesichtspunkte den Ausschlag. Die Werteskala in der Seehofer-Partei ist anders justiert: So beschreibt Söder die Kernkraft als ein Übergangsphänomen auf dem Weg zu regenerativen Energien.
Ein Fall für den Revolution-Knopf
Kaum weniger markant fällt der Kontrast zur alten CSU in der Familienpolitik aus. Dass eine Ministerin der Mehrheitspartei die Kinderbetreuung außerhalb des Elternhauses als einen wesentlichen Bestandteil des sozialen Lebens und Lernens der meisten Kinder beschreibt, wäre vor nicht allzu langer Zeit ein Fall für den Revolution“-Knopf am Pult des Landtagspräsidenten gewesen, mit dem alle Mikrofone im Saal stumm geschaltet werden können.
Wie diese Paradigmenwechsel beim Wähler ankommen, ist ungewiss, trotz des guten Abschneidens der Seehofer-Partei bei der Europawahl. Noch haben nicht alle Wähler bemerkt, dass an die Stelle der vertrauten, behäbigen CSU eine neue alerte Formation getreten ist. Seehofer kann diese Wahrnehmungsverzögerung recht sein; er braucht bei der Bundestagswahl auch die Stimmen derer, die sich noch in der senioralen CSU-Zeit wähnen, als Erneuerung hieß, dass die grauen Herren der Partei im Kreuther Hochtal ihre Intrigen schmiedeten.
Der Mann mit dem Quelle-Katalog
Die Seehofer-Partei ist in ihren Führungspositionen die jüngste Kraft, die mit Erfolgsaussichten zur Bundestagswahl antritt. Formell ist Guttenberg zwar nicht ihr Spitzenkandidat; medial hatte er diese Position schon bei der Europawahl inne. Dass neben ihm auch immer wieder Seehofer, der Mann mit dem Quelle-Katalog, auftauchen wird, muss den fränkischen Freiherrn nicht verdrießen; schließlich hat Seehofer, als er aus seinem Kabinett die Generation 60 plus“ verbannte, schon seine eigenen Abschiedspapiere vorbereitet.
Wer periodisierende Betrachtungen der Geschichte schätzt, kann an der Seehofer-Partei seine Freude haben. Für die Annahme, dass nach historischen Brüchen gleich mehrere Zeiten des Übergangs kommen, muss gar nicht das Wort von der Revolution, die ihre Kinder frisst, bemüht werden. Einer der Vorgänger Seehofers suchte sein Heil darin, dass er sich gleich selbst zu einem Mann des Übergangs deklarierte. Auch Seehofer räsoniert immer wieder über den geordneten, selbstbestimmten Schlusspunkt, den er setzen wolle. Wer weiß, ob dann nicht die gute, alte CSU wiederentdeckt wird mit einem Vorsitzenden Guttenberg, der befindet, dass mit der Erneuerung der Partei aber jetzt Schluss sein müsse.
Text: F.A.Z.