Kommentar

Römisches Trauerspiel

Von Heinz-Joachim Fischer

25. Januar 2008 Das eine ist Italien, etwas anderes die italienische Politik. Dass es um das schöne Land im Süden Europas schlecht bestellt ist, hat erst zu Jahresbeginn der Müllnotstand von Neapel aller Welt vor Augen geführt. Vor kurzem wurde der Ministerpräsident von Sizilien, Cuffaro, zu fünf Jahren Haft verurteilt – nicht direkt wegen Unterstützung der Mafia, sondern nur wegen sonstiger Delikte. Das galt als Erfolg, der zum Verbleib im Amt berechtigt.

Der Papst sagte einen Besuch in der Hauptuniversität seiner Bischofsstadt ab, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Das alles zeigt, dass nicht nur das Verhältnis von Kirche und Staat nicht im Lot ist. Wie reagieren die Politiker? Sie führen den Bürgern das Theater einer Regierungskrise und eine würdelose Senatssitzung mit anschließendem Rücktritt des Ministerpräsidenten vor.

Nein, die Italiener sind gegenwärtig nicht stolz darauf, Italiener zu sein. Deshalb zog sich Clemente Mastella nicht einmal den Zorn des Volkes zu, als er mit seiner Splitterpartei, den Udeur-Christdemokraten, den Sturz Prodis herbeiführte. Als Justizminister war er erst zurückgetreten, nachdem zu den sieben Justizverfahren, die gegen ihn selbst laufen, auch noch eines gegen seine Frau, die Landtagspräsidentin von Kampanien, hinzukam. Selbst der Staatsanwalt hält ihn für einen Schlawiner. Doch sein Verdikt, so könne es mit der Regierung und dem ganzen System nicht weitergehen, stieß im Senat und im ganzen Land auf beschämte Zustimmung.

Im April 2006 hat Romano Prodi als Führer der Links-„Union“ die Parlamentswahlen für eine fünfjährige Legislaturperiode gewonnen und den Mailänder Medien-Milliardär Berlusconi als Ministerpräsidenten abgelöst. Zwanzig Monate lang hielt er ein buntes Zehn-Parteien-Bündnis zusammen. Als Regierungschef machte er zwar keine schlechte Figur, doch angesichts der bekannten inneren Schwierigkeiten und Gegensätze agierte er wenig effizient.

Dürftig fällt die Bilanz dieser Regierung vor allem im Vergleich zu dem aus, was sich in anderen Nationen tut, wo sich Lust am Vorwärtskommen Bahn bricht. Voller Befremden blicken die tüchtigen Italiener auf das römische Trauerspiel. Von einer Wahlrechtsreform, die nur Politikern Arbeit gäbe, versprechen sie sich wenig. Ihre Hoffnungen ruhen auf einem Europa, in dem andere Regeln gelten.

Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Vergleichen Sie jetzt online die Leistungen verschiedener privater Krankenversicherungen!

Italien

Mit Sperrklausel könnte Prodi noch regieren

Die knappen Mehrheitsverhältnisse wurden Prodi zum Verhängnis

Verhältnis- oder Mehrheitswahlrecht? Die Italiener bevorzugten zuletzt komplizierte Mischformen. Glücklich sind sie damit nicht. Nun fordert auch der ehemalige Ministerpräsident Berlusconi ein anderes Wahlrecht. Dabei hat er eben dieses selbst verabschieden lassen. Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

Regierungskrise

Ohnmacht in Rom

Römische Volksvertreter: Cusumano (r.) kollabiert, Barbato eruptiert

Nicht das Was, sondern das Wie ist bei einer gelungenen Regierungskrise in Italien entscheidend. Die Volksvertreter von Rom haben sich einen Sinn für Stil und Theatralik bewahrt, über den dröge deutsche Abgeordnete nur staunen können. Von Dirk Schümer, Venedig

Chronik

Prodis Mehrheit zerbricht nach 20 Monaten

Das war's dann wohl: Prodi verliert das Vertrauen

Nach 20 Monaten an der Spitze der italienischen Regierung ist Ministerpräsident Romano Prodi an den komplizierten Mehrheitsverhältnissen im Parlament gescheitert. Ein Rückblick auf die turbulente Zeit seines Mitte-Links-Bündnisses in Bildern.

Regierungskrise in Italien

Prodi verliert Vertrauen und tritt zurück

Ministerpräsident Romano Prodi bei der Abstimmung im Senat

Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi hat die Vertrauensabstimmung im Senat verloren und umgehend seine Demission eingereicht. Staatspräsident Napolitano kündigte für diesen Freitag Konsultationen an und bat die Regierung, zunächst im Amt zu bleiben.

Italien

Tumult im Parlament nach Prodis Niederlage

Nach einer Abstimmungsniederlage gibt Italiens Ministerpräsident auf und reicht seinen Rücktritt ein. Die konservative Opposition öffnet noch im Senat die Champagnerflaschen; es kommt sogar zu Handgreiflichkeiten.