Libanon

Ein Krieg für die anderen

Von Markus Bickel

19. Mai 2008 Nach den Kämpfen werden die Karten neu gemischt, und auch die Bühne ist eine andere. Im Anschluss an den heftigsten Gewaltausbruch im Libanon seit Ende des Bürgerkrieges haben sich die wichtigsten politischen Akteure des Landes am Wochenende nach Doha zurückgezogen. In der Hauptstadt Qatars soll ein Ausweg aus der seit anderthalb Jahren anhaltenden Krise gefunden werden.

Hoffnungsvoller Blick zurück nach vorn: Auch der Bürgerkrieg wurde 1989 unter starkem ausländischem Druck im saudi-arabischen Taif beendet, fernab der libanesischen Heimat. Noch aus einem anderen Grund ist der Ortswechsel von Beirut nach Doha bezeichnend: Schon längst ist der Konflikt im Libanon internationalisiert, der Kampf um die Macht im Zedernstaat kein lokaler mehr, sondern einer um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Wie im Irak stehen sich Irans lokale Verbündete und die der Vereinigten Staaten sowie Saudi-Arabiens gegenüber - nun auch bewaffnet.

„Failing state“ Libanon

Die Auffassung der schiitischen Hizbullah, die die Ankunft des amerikanischen Zerstörers „Cole“ vor der libanesischen Küste im Februar als externes Eingreifen in den Konflikt bezeichnete, ist zumindest in diesem Punkt durchaus zutreffend. Die Schutzmacht der Hizbullah freilich wildert weitaus heftiger in libanesischen Gefilden: Wer das amerikanische Hegemonialstreben zwischen Mittelmeer und Persischem Golf kritisiert, müsste auch die vergleichbaren Bestrebungen Irans kritisieren.

Bemühungen der Vereinigten Staaten, ihre sunnitischen Verbündeten im Libanon in den vergangenen anderthalb Jahren militärisch zu stärken, blieben in den Kinderschuhen stecken. Die Verteidigungsschlacht um West-Beirut fiel aus, weil die wenigen bewaffneten Anhänger des Mehrheitsführers im Parlament, Hariri, nicht als Kanonenfutter herhalten wollten gegen eine der am besten ausgebildeten Milizen der Welt. Die von Bush im Frühjahr 2005 als Vorboten eines demokratischen Wandels in der ganzen Region gefeierten Führer der „Zedernrevolution“ liegen am Boden. Schlimmer noch: Schutz vor einem abermaligen schiitischen Einmarsch in ihr Kerngebiet könnten gemäßigte Sunniten künftig bei extremistischen Gruppen suchen.

Denn die lokalen Verbündeten Amerikas und der EU-Staaten haben nach dem Kleinkrieg um Beirut, das Schufgebirge und die nordlibanesische Stadt Tripoli erheblich an Einfluss verloren - und die Hizbullah hat ihre Stellung als Staat im „failing state“ Libanon weiter ausgebaut. Keine zwölf Monate nach der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen kann sich die Führung in Teheran über einen weiteren Erfolg ihrer bewaffneten Alliierten in der Levante freuen - und das ausgerechnet im Frontstaat zu Israel, dem Todfeind der Mullahs. In Washington ebenso wie in Riad, Brüssel und Berlin hingegen sah man dem Fall des einstigen „Paris des Nahen Ostens“ ohnmächtig zu.

Hintertürkontakte zwischen den Gegnern

Dass Bush und Ahmadineschad ihren Machtkampf im Libanon austragen lassen, zeigt zugleich, dass beide Seiten an einer weiteren Eskalation zurzeit nicht interessiert sind. Ein durch die Entwicklungen im Irak schon bedrohlich nahe gerücktes Eingreifen Saudi-Arabiens in den dort zwischen schiitischen Milizen und amerikanischen Truppen ausgetragenen iranisch-amerikanischen Konflikt soll vermieden werden. Der geschundene Libanon als Schauplatz kommt da wie gerufen: Schon in der Vergangenheit musste das zwischen Syrien, Israel und dem Mittelmeer eingezwängte Land als Bühne für die Stellvertreterkriege seiner mächtigen Nachbarn herhalten. Als „Krieg für die anderen“ beschrieb der Publizist, Politiker und Diplomat Ghassan Tueni den Bürgerkrieg; in Doha ist er der älteste der verhandelnden Akteure.

Aus Sicht der beteiligten Groß- und Mittelmächte hat eine auf den Libanon beschränkte militärische Konfrontation nach dem Muster der Stellvertreterkriege während des Kalten Krieges Vorteile: Abgesehen von Kämpfen in Tripoli, war der heiße Konflikt nach drei Tagen vorbei, die Hintertürkontakte zwischen den Gegnern blieben immer bestehen. Welche Konsequenzen hingegen ein amerikanisches oder israelisches Bombardement der iranischen Nuklearanlagen haben würde, ist selbst von seinen Befürwortern kaum einzuschätzen. Nicht zu reden von der Drohung Ahmadineschads, Israel auszulöschen.

Al Qaida schießt weiter

Ein Problem freilich bleibt. Zwar sind die lokalen Verbündeten des Westens, Saudi-Arabiens, Irans und Syriens am Verhandlungstisch in Doha vertreten. Vertreter eines wichtigen globalen Akteurs aber, der die schiitische Hizbullah ebenso bedroht wie die gedemütigte sunnitische Führung in Beirut, bomben und schießen weiter: Al Qaida und mit der sunnitischen Terrororganisation verbundene lokale Gruppen wie Fatah al Islam.

Vor genau einem Jahr verwickelte diese Terrorgruppe, in der auch ein Bruder des in Deutschland einsitzenden „Kofferbombers“ kämpfte, die libanesische Armee im Palästinenserlager Nahr al Barid in einen hundert Tage dauernden Krieg mit über 400 Toten. Sollten die Hizbullah und ihre iranische Schutzmacht den in Doha versammelten gemäßigten Sunniten nicht die Hand reichen, könnten die Terror-Islamisten als Gewinner der libanesischen Krise dastehen. Nicht nur im „failing state“ Libanon.



Text: F.A.Z.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche