05. Oktober 2005 Durch die Forschungsnation Deutschland geht ein patriotischer Ruck. Man dürfe "als Deutscher stolz sein", ließ Bundespräsident Köhler nach der Bekanntgabe des diesjährigen Nobelpreises für Physik wissen. Die Auszeichnung der Königlich Schwedischen Akademie an den Münchener Quantenphysiker Thomas Hänsch beweise, "daß unser Land als Wissenschaftsstandort Weltspitze ist". Man tritt dem Bundespräsidenten und den vielen Kommentatoren aus Politik und Gesellschaft, die unisono in dasselbe Horn geblasen haben, gewiß nicht zu nahe, wenn man ihre berechtigte Freude über den Preis mit einem lapidaren, aber offenkundig notwendigen Nachsatz versieht: Mußte das wirklich bewiesen werden? Mußte erst ein deutscher Held gekürt werden, der (wenigstens die letzten neunzehn Jahre) tatsächlich in Deutschland und nicht in Übersee Karriere machte wie die vorherigen vier Preisträger, damit wir uns der Forschungsleistungen in diesem Land gewahr werden? Hoffentlich nicht. Denn daß das Land viele Forscher mit Weltklasseformat - und auch Forschungsinstitutionen der Spitzenklasse - hervorzubringen vermag, versteht sich eigentlich von selbst. Niemand hätte dies je ernsthaft in Zweifel ziehen können. In allen internationalen Vergleichen rangieren das Land und seine Wissenschaftler weit vorne.
Die viel interessantere Frage lautet daher: Warum gibt es nicht mehr deutsche Nobelpreisträger aus deutschen Instituten? Warum spendieren die Amerikaner ihren beiden Preisträgern, die zusammen mit Hänsch gewürdigt wurden, nicht mindestens zweimal soviel Lob, und weshalb wird das ruhmreiche Werk der vielen amerikanischen Nobelhelden an der Urquelle des modernen Patriotismus nicht gleichermaßen als nationales Prestige plakatiert? Wie man es auch dreht und wendet, man kommt auch in einem so glücklichen Moment wie diesem nicht um kritische Nachfragen herum.
Glücklicherweise findet man in der Karriere des deutschen Preisträgers und in seiner Reaktion auf die Auszeichnung sogar bemerkenswerte Hinweise auf die Antwort. Hänsch ist in vieler Hinsicht der Prototyp eines Forschers, der den heutigen, mehr als alles andere globalisierten Markt der Wissenschaften repräsentiert. Ein zugegebenermaßen den Außenstehenden meist verschlossener Markt, der allerdings im Innern von einem faszinierenden, beinahe grenzenlosen Wettbewerb um intellektuelle Ressourcen beherrscht wird. Eine Welt, in der es auch um Sportsgeist geht, um Konkurrenz und Ruhm; aber vor allen anderen Dingen geht es hier um Freiheit. Die Freiheit nämlich, das Beste leisten und mit den Besten wo auch immer in der Welt paktieren zu dürfen, wenn es das Ziel - die Innovation - erforderlich macht.
In diesem internationalen Netzwerk der gescheiten Köpfe gelten die Nationalitäten wenig, die individuellen Fähigkeiten alles. Sucht man in Deutschland nach den Orten mit solchen Maßstäben, dann stößt man schnell auf jene Institution, der Hänsch seit vielen Jahren als wissenschaftliches Führungspersonal angehört: die Max-Planck-Gesellschaft. Das Max-Planck-Institut für Quantenphysik in Garching, dem der Physiker als Direktor vorsteht, ist eine Art intellektueller Schmelztiegel - ähnlich wie die vielen Dutzend über das Land verteilten Max-Planck-Institute, die sich international längst einen Namen gemacht haben, die Harvard, Stanford oder Massachusetts Institute of Technology durchaus ebenbürtig sind. Das Max-Planck-Direktorium rekrutiert sich heute aus zwei Dutzend verschiedenen Ländern, der Anteil der Doktoranden aus dem Ausland liegt bei weit mehr als einem Drittel. Die Organisation betreut fast tausendfünfhundert Forschungsprojekte mit fast dreieinhalbtausend Partnern in mehr als neunzig Ländern. Wer heute Direktor an einem Max-Planck-Institut werden - und bleiben - will, muß viel mitbringen und noch mehr leisten. An nahezu einem Drittel der Veröffentlichungen in den zwei renommiertesten internationalen naturwissenschaftlichen Zeitschriften, "Science" und "Nature", sind Max-Planck-Forscher beteiligt. Exzellenz mußte also nicht von Rot-Grün neu erfunden werden.
Nur können natürlich solche Forschungseinrichtungen, die von den Lehrverpflichtungen einer Universität weitgehend befreit sind, nicht als Matrize für ein gesamtes, nun mal auch bildungsintensives Forschungssystem gelten. Bildung und Ausbildung sind ein notwendiges nationales Anliegen ebenso, wie es etwa die medizinische Versorgung ist. Aber ist es nicht zu erreichen, daß klinische Forschung an Universitäten etwa oder generell Forschung an Hochschulen nicht auch zum großen Magneten für Spitzenforscher wird? Die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder dürfte in dieser Hinsicht wichtige Impulse liefern. Die leistungsorientierte Vergütung, in Einzelfällen schon verwirklicht, gehört ebenfalls dazu. Aber was die kosmopolitische Karriere des Preisträgers Hänsch in Stanford und später in München und Garching doch auch zeigt, ist, daß die hiesigen Verkrustungen noch zahlreich sind und tief sitzen.
Seine süffisante Bemerkung, der Nobelpreis komme ihm als Dreiundsechzigjährigem zur rechten Zeit, weil dieser ihm womöglich helfe, der "Zwangsemeritierung" mit 65 zu entgehen, ist kaum mit Selbstironie abzutun. Viele auch in den sechziger und siebziger Jahren noch vitale und leistungsbereite Wissenschaftler mußten schon mit Sack und Pack auswandern, um anderswo erfolgreich weiterzuforschen. Der akademische Nachwuchs braucht nicht nur leergewordene Planstellen, er braucht auch Ideale und Vorbilder um sich. Und er braucht Perspektiven, die durch den politischen Rahmen vorgegeben werden. Wer Gen- oder Großtechnik mit dem Gesetzesknüppel traktiert, um den Volksbefragungen Rechnung zu tragen, muß sich nicht wundern, wenn sich die junge Elite ihre Meriten außer Landes zu verdienen versucht. Der Wissenschaftsbetrieb hat dafür seine Formel schon gefunden: Wenn du in der Forschung anfängst, lokal zu denken, hast du schon verloren.
Text: F.A.Z., 06.10.2005, Nr. 232 / Seite 1