30. August 2006 Schon jetzt wird in deutschen Universitäten wenig geheizt, kaum geputzt und selten renoviert. Das Sparpotential ist ausgereizt. Die Hochschulen sind chronisch unterfinanziert. Je lauter die OECD und die zuständigen Wissenschaftsminister nach Studierendenquoten von vierzig Prozent rufen, desto angespannter wird die Lage. Die Länder hoffen auf den Hochschulpakt und zusätzliche Bundesmittel, fürchten aber zugleich die geforderte Gegenfinanzierung der Hälfte der Bundeszuschüsse. Sie alle werden in den Jahrgängen mit den stärksten Anfängerzahlen in den Jahren 2012 bis 2014 zu Mitteln greifen, die jedenfalls nicht einer besseren Studienqualität dienen.
So richtig es ist, den Fehler der siebziger Jahre, die Zerstörung des akademischen Mittelbaus, zu beheben, so falsch ist es, nur in der Lehre eingesetzte Dozenten nach und nach auf Professorenstellen aufrücken zu lassen. Genau das wird aber wegen der angespannten Finanzlage geschehen. Die Einheit von Forschung und Lehre - eine der grundlegenden Qualitäten deutscher Hochschulen - wird damit faktisch aufgegeben.
Die Hochschulrektorenkonferenz, die der Angleichung der europäischen Hochschulen im Bologna-Prozeß stets wohlgesinnt war, hat von Anfang an darauf hingewiesen, daß der Erfolg dieser Reform von einer Verstärkung des wissenschaftlichen und administrativen Personals abhängen werde. Diese Bedingung wurde jedoch nie erfüllt. Während die Studierendenzahlen immer weiter gestiegen sind, sanken die öffentlichen Ausgaben für Hochschulen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Selbst der Wissenschaftsrat mußte vor kurzem feststellen, daß es eine fundierte Kalkulation der Kosten für die Einführung gestufter Studiengänge nicht gegeben hat.
So werden die Kapazitäten weiter ausgedehnt, den Hochschulen auch noch berufsqualifizierende und weiterbildende Aufgaben aufgebürdet und gleichzeitig die Ressourcen gekürzt. Wenn die Länder die aus der Exzellenzinitiative hervorgegangenen Spitzenuniversitäten ausgerechnet vom Jahr 2012 an selbst finanzieren müssen, wird das Geld den übrigen Universitäten fehlen. Gleichzeitig wird es in ostdeutschen und nördlichen Universitäten ein Überangebot an Studienplätzen geben. Arme Studenten!
Text: oll.; F.A.Z., 30.08.2006, Nr. 201 / Seite 1