Kommentar

Ein ganz normaler Verlag?

Von Hubert Spiegel

22. Dezember 2003 Nichts hat in der Bücherwelt in diesem Jahr mehr Wellen geschlagen als die Vorgänge im Suhrkamp Verlag. Mancher mag sich gefragt haben, ob das Ausmaß der Aufmerksamkeit, die dem Frankfurter Verlag entgegengebracht wurde, gerechtfertigt war. Denn allzuviel war ja nicht geschehen: Ein mittelständisches Unternehmen änderte seine Führung, vergrößerte die Chefetage, trennte sich von einem Geschäftsführer und mußte erleben, daß ein dem Aufsichtsrat nur in Maßen vergleichbares Gremium geschlossen zurücktrat, weil es mit den Neuerungen nicht einverstanden war. So dramatisch das für die Beteiligten sein mag, ein im Wirtschaftsleben einzigartiger Vorgang ist es keineswegs. Nur ist dergleichen den Berichterstattern in der Regel allenfalls ein paar Zeilen wert. Erbstreitigkeiten, Intrigen und mit Entschlossenheit und dramaturgischem Geschick geführte Machtkämpfe gibt es in der hessischen Wurstfabrik oder im familiengeführten schwäbischen Zuliefererbetrieb ebenso wie im Frankfurter Musentempel. Man erfährt nur nichts davon. Die Frage bleibt also: Wie erklärt sich die öffentliche Wirkung, die gerade vom Suhrkamp Verlag ausgeht?

Die Geschichte des Suhrkamp Verlags begann aufsehenerregend, als Peter Suhrkamp, während der Naziherrschaft Leiter des S. Fischer Verlages, zahlreiche Autoren Fischers für seinen eigenen Verlag gewinnen konnte. Zu ihnen zählte auch Hesse, der zusammen mit Brecht das Fundament bildete, auf dem Suhrkamp bis heute ruht. Und es ging spektakulär weiter, als der kranke Suhrkamp mit Siegfried Unseld einen Nachfolger bestimmte, dem nicht allein wegen seiner Jugend großes Mißtrauen entgegengebracht wurde. Unselds rasches Scheitern galt vielen damals als ausgemacht. Statt dessen gelang dem Verleger der Aufbau dessen, was George Steiner 1973 mit der Wortschöpfung von der "Suhrkamp-Kultur" adelte. Unseld verlegte zwar große Teile der für die intellektuelle Linke maßgeblichen Literatur, blieb aber gegen deren Vorstellungen und Ideale auf eigentümliche Weise immun. Als die damals allgegenwärtige Forderung nach Mitbestimmung und der Herrschaft des Kollektivs auch seinen Verlag erreichte, setzte Unseld mit Walter Boehlich, Klaus Reichert, Karlheinz Braun und anderen die wichtigsten Mitarbeiter des Hauses kurz entschlossen vor die Tür. Schon damals hätte man begreifen können: Nicht der Suhrkamp Verlag war progressiv, sondern es waren allein seine Bücher.

Wie jeder gute Verleger druckte Unseld nicht nur jene Autoren, die er liebte, sondern brachte, was die Zeit verlangte. Gleichwohl war er kein Sklave des Zeitgeists, dem zum Trotz er seine größte verlegerische Tat vollbrachte. Als die Postmoderne regierte, gründete Unseld den Deutschen Klassiker Verlag, der die gesamte klassische Literatur unseres Sprachraums in höchsten Ansprüchen genügenden Ausgaben verfügbar macht. Diese Leistung Unselds wird noch immer nicht ausreichend gewürdigt, soviel der Verleger sonst auch gerühmt, gepriesen und verklärt worden ist.

Die Frage, was dagegen vom Suhrkamp-Programm der sechziger und siebziger Jahre heute noch Bestand hat, ist nicht leicht zu beantworten. Unzweifelhaft ist jedoch, daß Suhrkamp damals das Bedürfnis einer Generation befriedigte, die jeglichen Autoritäten abgeschworen hatte, um sich bis zur Selbstaufgabe der Autorität der Theorie zu unterwerfen. Nicht wenige, so scheint es, nehmen dem Suhrkamp Verlag heute übel, wofür sie ihn damals vergöttert haben.

Das spiegelt sich zum Teil in den Kommentaren wider. Immer wieder war zu hören, die Vorgänge im Verlag seien Symptome eines Normalisierungsprozesses: Suhrkamp "schrumpfe auf Normalmaß", sei also dabei, ein Verlag "wie jeder andere" zu werden. Zweierlei ist hieran bemerkenswert: Zum einen wird noch einmal der bisherige Ausnahmestatus des Verlags bestätigt, zum anderen wird unfreiwillig eingestanden, wie man sich heutzutage einen "ganz normalen deutschen Verlag" vorzustellen hat: als von Umstrukturierungen, inneren Machtkämpfen, Identitätszweifeln und Zukunftsängsten geplagtes und bis zum Zerreißen angespanntes Unternehmen.

Der Befund trifft leider auf allzu viele deutsche Verlage zu. Die Branche hat ein weiteres schwieriges Jahr hinter sich, an dessen Ende sie einen konfusen und desolaten Eindruck hinterläßt. Verlage ziehen kreuz und quer durch die Republik, mit Vorliebe von Berlin nach München und wieder zurück, wie jetzt Ullstein; sie suchen notgedrungen Schutz unterm Dach großer Konzerne, um sich bei der ersten Gelegenheit wieder freizukaufen, wie Frederking und Thaler oder der Berlin Verlag, der von einem großen Riesen zu einem kleinen Riesen wechselte, als er Bertelsmann verließ und sich Bloomsbury, dem englischen Verlag Harry Potters, anvertraute. Es wird munter gekauft und wieder verkauft, kleine Verlagsimperien werden zusammengeschustert und wieder zerschlagen. Der unabhängige verlegergeführte Verlag mittlerer Größe, wie ihn das Haus Suhrkamp über Jahrzehnte verkörperte, ist in der Tat zur Ausnahmeerscheinung geworden. Aber die deutschen Verlage haben wenig Anlaß, sich etwas einzubilden auf jene Art der Normalität, die sie in der Mehrzahl verkörpern.

Erst wenn es unabhängige Verlage wie Suhrkamp, Wagenbach, Hanser, C. H. Beck oder Diogenes, den größten rein belletristischen Verlag Europas, nicht mehr gibt, wird die deutsche Verlagsbranche endgültig "auf Normalmaß" geschrumpft sein. Dann wird sich auch die Verwunderung über eine ausufernde Berichterstattung erübrigen. Denn das Interesse an den deutschen Verlagen wird in ebenjenem Maße abnehmen, in dem sich die Kopflosigkeit als Normalzustand unter ihnen durchsetzt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 1

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