11. Dezember 2007 Usama Bin Ladin lässt nicht locker: In unregelmäßigen Abständen sendet er Video-Botschaften an den Westen, die bekräftigen sollen, dass die Dschihadisten ihre Ziele nicht aufgegeben haben.
Sie wollen den Westen, die Moderne, aus ihrer Hemisphäre hinausdrängen und in dieser selbst den wahren Islam einführen, wie sie ihn verstehen. In den islamischen Ländern kann er nach ihrer Auffassung nicht gelebt werden, weil die dortigen Regime und Systeme - so unterschiedlich sie sein mögen - das nicht zulassen. Als letzte ihrer Utopien kündigen sie bisweilen an, neben Palästina (womit sie Israel meinen) solle auch al Andalus, Spanien, für den Islam zurückerobert werden.
Dies alles macht deutlich, dass die mit dem 11. September verbundene Eskalation von Terror und Krieg nur zu einem Teil mit einer falschen Politik des Westens, insbesondere der Amerikaner, zu erklären ist. Die Kämpfer für den wahren Islam sind eine Bewegung, die im Islam selbst entstanden ist - und dies im 18. Jahrhundert, als es weder das moderne Amerika noch Israel gab, noch westlichen Kolonialismus in der islamischen Welt. Über deren klassischen Kernraum herrschten vielmehr die muslimischen Osmanen. Überdies berief sich der auf der Arabischen Halbinsel damals entstehende Wahhabismus, der sich gegen den Sultan wandte - wie auch die heutigen Dschihadisten - auf noch ältere Quellen, so den fundamentalistischen Rechtsgelehrten Ibn Taimija, der zur Zeit der Mongolenherrschaft gelebt hatte.
Dass Fehler in der jüngeren NahostPolitik den Kreis der Sympathisanten mit den Islamisten und Dschihadisten erheblich erweitert haben, ist freilich ebenso richtig. Gäbe es in der Region weniger Konflikte, wie den zwischen Israelis und Palästinensern, wäre wenigstens längerfristig ein Klima zu schaffen, in dem religiös-politischer Fanatismus es schwerer hätte zu gedeihen. Vielleicht bestünde dann sogar die Chance, das westliche Werben für Demokratie - das momentan völlig unglaubwürdig wirkt in der arabischen Welt - günstiger zu gestalten. Eine Nahost-Regelung ist dringlich.
Im Irak-Krieg der Amerikaner spielte neben Strategie und Sicherung der Erdölquellen auch eine demokratische Vision für den Nahen Osten eine Rolle. Führende Orientalisten bestärkten die amerikanische Regierung unter Präsident George W. Bush darin, Saddam Hussein mit Gewalt zu stürzen, obwohl der mit Dschihadisten nichts zu tun hatte. Der Irak sei durch die jahrzehntelange Herrschaft der arabisch-nationalistischen, weltlich ausgerichteten Baath-Partei so stark säkularisiert, dass man hier ansetzen könne. Nach dem Sturz des Despoten würden die Aussichten für eine Demokratisierung des Iraks, der zudem das klassische Kernland des historischen Kalifats von Bagdad bilde, günstig sein. Und wenn dies im Irak erst einmal gelungen sei, werde sich diese Entwicklung auf mittlere Frist auch in Iran und Syrien positiv bemerkbar machen. Man wollte die Achse des Bösen in der Mitte aufsprengen, um ihre Auflösung zu erzwingen. Auf Hinweise, dies werde nicht funktionieren, ja sogar Geister wecken, die bis dahin in der Flasche gewesen seien, hörte Washington nicht; von den Menschenopfern ganz zu schweigen.
Im Irak hat heute die Islamische Republik Iran mehr zu sagen als früher. Die Schiiten sind die einflussreichste Gruppe überhaupt geworden. Das Land ist noch nicht zerfallen, doch besteht diese Gefahr weiterhin. Die religiösen Minderheiten, angefangen bei den Christen, sind auf der Flucht, manche sogar, wie die Mandäer und die Jezidi, vom Verschwinden bedroht. Im Wesentlichen erhalten die Stammesführer jetzt ein Mindestmaß an Ordnung aufrecht, weniger die noch immer schwache irakische Regierung. Ganz ungewiss ist, was sein wird, wenn eines Tages die Amerikaner abgezogen sein werden. Das iranische Regime ist sogar gestärkt worden, Syrien bleibt, schon wegen seiner möglichen Einbindung in den Friedensprozess mit Israel und auch weil es weltlich ausgerichtet ist, ein notwendiger Partner für den Westen.
Es mag Leute geben, die im Sinne einer Geschichtsschreibung a posteriori, als Sinngebung des Sinnlosen (Theodor Lessing) eines Tages durchaus erkennbare, positive Veränderungen im Irak auf die Katastrophe dieses Krieges zurückführen werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Orient doch der Orient bleibt und der Islam der Islam. Bis heute ist nicht überall begriffen worden, dass es sich hier um eine religiös inspirierte Vision der Welt handelt, die schon der große Orientalist Johann Jakob Reiske im 18. Jahrhundert als dem christlichen Weltentwurf gleichgewichtig ansah. Der Westen hat jedes Recht, an die Überlegenheit der Demokratie zu glauben und die Geltung der individuellen Menschenrechte auch im Islam zu wünschen. Er hat auch das Recht, in diesem Sinne politisch und zivilgesellschaftlich (glaubhaft) dafür zu werben, auf friedliche Weise. Auch dass er, wie alle, seine Interessen vertritt, ist nicht zu beanstanden. Er hat aber nicht das Recht, die kulturellen Kontexte mit Gewalt zu verändern, in denen sich Entwicklung und Geschichte in islamischen Ländern vollziehen. Gemessen an der Absicht, die Dschihadisten zu vernichten, war dieser Krieg ein Fehler.
Text: F.A.Z.
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