Folgen der Finanzmarktkrise

Ein neuer „Ground zero“

Von Berthold Kohler

25. September 2008 Das ist die Rhetorik des 11. Septembers. Die Welt werde nicht mehr so sein wie vor der Krise, sagte Bundesfinanzminister Steinbrück im Deutschen Bundestag. Niemand widersprach ihm, jedenfalls nicht in diesem Punkt. Wer wollte das auch wagen, konfrontiert mit den klingenden Namen der Banken und Versicherungen, die zusammenbrachen wie Kartenhäuser? Im Angesicht der unfassbaren Summen, die an den Börsen und in den Bilanzen im Nichts verschwanden? Die Krise hat noch weit größere Dimensionen als jene, die dem Anschlag auf die Zwillingstürme und ihrem Einsturz vor sieben Jahren folgte.

Aus den Tiefen des Systems

Denn der Angriff auf uramerikanische Glaubenssätze ist dieses Mal nicht das Werk äußerer Feinde. Er kommt von innen, aus den Tiefen des Systems. Der amerikanische Kapitalismus brachte, weitgehend unbedrängt von staatlicher Kontrolle, seine eigenen Selbstmordattentäter hervor, deren Sprengsätze, die Derivate, selbst noch die Wirkung der fliegenden Bomben der Dschihadisten übertreffen. Nicht nur New York, die ganze Welt hat einen neuen „Ground zero“: Wall Street.

Auch Deutschland wird daher für die Sünden der amerikanischen Finanzwirtschaft einen höheren Preis bezahlen müssen als die 320 Millionen, die die KfW so frühzeitig dem Insolvenzverwalter der Gebrüder Lehman überwies. Selbst wenn die Kettenreaktion des Zusammenbruchs vor dem deutschen Banken- und Kreditsystem haltmacht, werden die Folgen auch diesseits des Atlantiks schmerzlich genug sein: schrumpfendes Wachstum, höhere Arbeitslosigkeit, geringere Steuereinnahmen, weniger Verteilungsspielraum.

Rufe nach dem „starken“ Staat

Die Krise hat sogar das Potential, das politische Koordinatensystem Deutschlands zu verschieben. Sie ist, da sie selbst die Amerikaner am Markt zweifeln und zu „unamerikanischen“ Rettungsmitteln greifen lässt, Wasser auf die Mühlen aller, die schon immer nach einem möglichst alles kontrollierenden oder besser noch: alles selbst in die Hand nehmenden Staat riefen.

Anhänger eines derartigen „starken“ Staates finden sich nicht nur in der Linkspartei. Die greift freilich am fröhlichsten in die Mottenkiste der Kapitalismuskritik, ganz so, als hätte ihr Ideal, die sozialistische Planwirtschaft, nie abgewirtschaftet. Auf diesem Trip nach links wird die Linkspartei mindestens die SPD ein gutes Stück mitziehen. Doch auch in der Union ist die (staatliche) Rente schon wieder sicher.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz

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