12. Dezember 2003 Ein Menschenfresser erzählt, und Deutschland hört zu. Sein lachendes Gesicht füllt Illustrierten- und Zeitungstitel, man zahlt ihm für seine Geschichte. Die Justiz tut sich schwer mit dem Mann. Im Strafrecht ist seine Tat nicht vorgesehen. Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, Tötung auf Verlangen, Störung der Totenruhe - die Anklage rückt bis ans Lächerliche. Die Hauptverhandlung beginnt, weil angenommen wird, daß der Mann schuldfähig sei. Man kann ihn nicht einfach wegsperren ins Irrenhaus. Der Angeklagte erzählt vom Menschenfressen, nicht ohne Stolz, und irgendwie klingt das alles seltsam vernünftig. Man hatte nur noch nie darüber nachgedacht.
Was tut eigentlich eine Gesellschaft, die es nicht fertigbringt, einen Kannibalen in die Klapsmühle zu stecken? Sie macht sich selbst zur Klapsmühle. Ein Gemeinwesen, das Perversion nicht mehr erkennen, benennen und ausgrenzen kann, das nicht mehr entscheiden kann, was das Perverse überhaupt ist: Ein solches Gemeinwesen ist selbst pervertiert. "Pervers" bedeutet verdreht, umgedreht, abgedreht. Der Begriff ist bei uns fast abgeschafft.
Eine Perversion, die diese Gesellschaft gerade noch als solche einzuordnen scheint, ist die Pädophilie - wobei jedoch deren empirisch erschlagend belegter Zusammenhang zur eben erst dem Spektrum des Perversen entrückten Homosexualität fast ganz verleugnet wird. Zugleich zelebrieren Popkultur und Werbung Kinder, hauptsächlich Mädchen, in einer Weise als Lustobjekte, daß Alice Schwarzer an ihrem Lebenswerk verzweifeln müßte. Kindliche oder halbwüchsige Sängerinnen und "Models" werden zu pornographischen Reizüberflutern aufgerüstet.
Das Perverse liegt hinter der Grenze. Doch die Gesellschaft, in der wir leben, ist unablässig dabei, die Grenze hinauszuschieben. Das geht mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt. Immer mehr wird aus dem Verborgenen ins Denk-, Sag- und Lebbare gezogen. Man ist daran gewöhnt, diese stete Entgrenzung als Freiheitszuwachs, als guten Fortschritt zu begreifen - aus gleichsam standpunktloser Sicht. Doch vom Standpunkt des Menschenfressers bedeutet Fortschritt freien Zugang zu Menschenfleisch.
Es fällt auf, daß gemeines freiheitliches Denken dem wenig entgegenzusetzen hat. Ein liberales Verständnis von Recht hat Schwierigkeiten, die Strafbarkeit der Tat zu begründen, über die das Landgericht in Kassel jetzt befinden soll, und das Urteil könnte mit dem Rückwirkungsverbot in Konflikt geraten. Das liberale Verständnis von sozialer Ordnung läuft sich an der Einsicht, daß hier zwei Menschen freiwillig Fressen und Fressenlassen vereinbart haben, wie an einer Litfaßsäule fest, um die es kreist wie eingemauert.
Entkommen heißt sich abwenden: Die Idee, daß die Befriedigung von Bedürfnissen und die freie, gegenseitige Vereinbarung darüber legitimatorische Wirkung entfalte, ist von begrenzter Tragweite. Sie reicht gerade so weit wie der Vertrag. Ihre Legitimität trägt nur sich selbst. Alles Weitere ist Überdehnung. Man kann diese akzeptieren als einen mit anderen zusammenhängenden Grundgedanken des modernen (Ordo-)Liberalismus. Als Prämisse des libertären Fundamentalismus ist sie so inakzeptabel wie alles Totalitäre.
So oder so gedeutet: Der Markt ist der große Delegitimator. Im Wechselspiel mit politisch und ideologisch entfesselter Technik schafft er sich neue Zuständigkeiten. Er breitet sich aus und reißt dabei Ordnungen ein. Dieser Vorgang, oft beobachtet, beschleunigt sich selbst. Und er spiegelt sich in den Köpfen. Er ändert die Auffassungen darüber, was ein gutes Leben ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten war auch hierzulande vielen Menschen unvorstellbar, sich Glück oder wenigstens Launen zu kaufen. Sie konnten nicht denken: Was kaufe ich nur, um mein Leben besser zu machen? Glasperlen vielleicht?
Heute stehen fast jedem Bedürfnis Produkte gegenüber und verheißen Erfüllung. Die Terra incognita des Intimen, Unzulässigen, Verbotenen und schließlich des Tabus wird ins Neonlicht der Reklame getaucht und damit erschlossen. Der Markt kolonisiert Landschaften der Seele zu Freihandelszonen. Alles hat seinen Preis. Die Kehrseite der Delegitimierung ist eine neue Legitimität, die selbsttragende Ideologie des Marktes: Was einen Preis hat, ist gut. Was sich gut verkauft, ist besser. Der Markt rechtfertigt Bedürfnisse. Ihnen zu folgen verheißt gutes Leben.
Ist das einmal anerkannt, läßt sich gegen die Folgen wenig einwenden. Man will Leichen aufschneiden, plastifizieren, Schabernack mit ihnen treiben? Warum nicht - die Toten haben als Lebende zugestimmt oder werden in Kirgistan gekauft, sind also irgendwie bezahlt worden. Alles ist gut. Und so genießen Millionen mit Goldblech und Flitter in Augen und Ohren als prickelndes Spektakel, wie der Mensch den Tod verhöhnt. Kinder haften als Begleitpersonen für ihre Eltern. Der Markt kennt kein Tabu, er kann keines kennen. Der Markt ist taub und blind.
Der Fortschritt der Technik, die Kommunikationsrevolution vermarktet Bedürfnisse neu. Das Internet bringt in neuen Märkten, manche treffend Foren genannt, zusammen, was zusammengehört: Buchverkäufer und Buchkäufer, Versteigerer und Ersteigerer, Informationshehler und Informationsstehler, Männer und Kinder, Schlachter und Fleisch. Der neue Weltmarkt der Daten reißt auch den Perversen aus dem letzten Schutz, den ihm die alte Gesellschaft bieten konnte, dem Schutz seiner Vereinzelung. Er findet seinesgleichen, erkennt sein Bedürfnis als verhandlungs- und vertragsfähig und sieht sich begründet.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2003, Nr. 290 / Seite 1