08. April 2005 Die Trauer war allgemein. So allgemein, daß jedes Szenario ihrer Kanalisierung hinfällig wurde. Drei Tage und drei Nächte lang zogen die Menschen vorbei an dem im Petersdom aufgebahrten Leichnam des Papstes, der ein halbes Menschenalter lang regiert hatte. Die Behörden schätzten die Kopfzahl auf dreihunderttausend. Diskret mußten die italienischen Polizisten agieren, die rund um den Vatikan für Ordnung sorgten, denn zwischen ihrem Staat und der Kirche herrschte ein Zustand des kalten Krieges. Am 20. September 1870 hatten die königlichen Truppen den Kirchenstaat erobert und dem Nachfolger des Petrus sein Erbe geraubt. Als Pius IX. am 7. Februar 1878 starb, trat der Ernstfall für das neue Regime ein. War den Zusagen der Liberalen zu trauen? Konnte die freie Kirche im freien Staat unbedrängt ihren Weg gehen?
Mit den Gläubigen warfen Neugierige einen letzten Blick auf die Überreste des durch Beschluß des von ihm einberufenen Konzils für unfehlbar erklärten Papstes. Der protestantische Historiker Ferdinand Gregorovius schrieb in sein Tagebuch: "Die große Erscheinung gleicht nun der eines umgestürzten, auf den Boden geworfenen Idols." Mit der irdischen Herrlichkeit des Priesterfürsten, so schien es, war auch seine geistliche Autorität zerstoben wie ein Spukgebilde. Die apokalyptische Rede vom Götzensturz hat sich als voreilig erwiesen. Das Bild des Papstes wurde wieder aufgerichtet, und noch nie hatte der Inhaber des Petrusamtes solche Verehrung auf sich gezogen wie in der Epoche seiner äußersten Machtlosigkeit.
Pius IX. ist am 3. September 2000 von Johannes Paul II. seliggesprochen worden. Der polnische Papst, der mit der Appeasement-Politik gegenüber den kommunistischen Tyrannen Schluß gemacht hat, mochte den eigenen Kampf in der Passion des italienischen Grafen vorgezeichnet sehen, der nach 1870 keinen Fuß mehr vor die Tür seines Palastes gesetzt hatte, um den Boden des Staates nicht zu betreten, der der Kirche statt ihres Rechtes ein Gnadenbrot gewähren wollte. Der päpstliche Titel des Knechtes der Knechte Gottes wurde damals in höchst wirkungsvoller Weise variiert: Als "Gefangener des Vatikans" entzündete der Papst die Phantasie des Kirchenvolkes und mobilisierte zumal die Loyalität der Ausgebeuteten und Erniedrigten.
Die Großmächte hatten den Untergang des Kirchenstaates nicht verhindert, wachten aber darüber, daß Italien die Garantie der Unverletzlichkeit des Papstes einhielt. So blieb die römische Frage offen, bis der Ausgleich von 1929 den Staat des Papstes restaurierte. Der englische Historiker Lord Acton, ein leidenschaftlicher Gegner des Unfehlbarkeitsdogmas, hatte 1870 an die Mächte appelliert, sich die Sache der päpstlichen Souveränität nicht allein aus Klugheitserwägungen, aus Rücksicht auf katholische Bevölkerungsteile, zu eigen zu machen. Acton sah in der Freiheit der Religion die Grenze der Allmacht des Staates. Daß der oberste Priester der allgemeinen Kirche den Gesetzen keines einzelnen Staates untersteht, ist symbolische wie tatsächliche Stütze der Religionsfreiheit. Der Papst steht auch für die Rechte derer ein, die seine Botschaft nicht glauben. Zum theologischen Sinn der Freiheit des Andersgläubigen bekannte sich die katholische Kirche allerdings erst im Zweiten Vatikanischen Konzil.
Wenn der Papst gegen seine Gefangensetzung protestierte, sprach er in Actons Augen als "der Stellvertreter des Friedenskönigs, der alle Menschen aufruft, die Heiligkeit des Moralgesetzes wiederherzustellen, auf daß die Herrschaft der Stärke nicht allgemein und ewig wird und auf daß eine religiöse Autorität sich in der Mitte unserer Zivilisation behaupten kann, nicht durch Gewalt und Blut, sondern durch die Verehrung der einen Hälfte der Menschheit und den Respekt der anderen". In den Trauerfeierlichkeiten des gestrigen Tages hat diese Vision Gestalt angenommen. Verehrung und Respekt fließen zusammen in der Teilnahme der ganzen Welt, und nimmt man die Nachrufe der Staatsmänner beim Wort, dann ist die Freiheit des Papstes tatsächlich zum Interesse der Menschheit geworden.
Als Johannes Paul II. im Irak-Krieg vor einem Allgemeinwerden der Herrschaft des Stärkeren warnte, übte er einen moralischen Einfluß aus, an dessen völkerrechtlicher Basis niemand rütteln will. Felsenfest steht der Heilige Stuhl inmitten der Staatenwelt. Macht diese Sicherheit den von Pius IX. proklamierten Gegensatz von römischer Kirche und moderner Welt nicht obsolet?
Heute wird der Papst wieder als Gefangener des Vatikans beschrieben - nun aber als Geisel des eigenen Apparats, gekettet an eine Institution, die die Zeichen der Zeit verkennt. Schon zu Lebzeiten Johannes Pauls II. schilderten Solidaritätsadressen aus dem Schatzkästlein der Absolutismuskritik den Mann guten Willens, dessen Vertrauen in finsterer Absicht mißbraucht wird. Beklagt wird die Isolation, in die sich die Kirche durch rigorose Moralpredigten manövriert habe - als sollten sich die Geister nicht scheiden und wäre nicht jedermann mit seinem Gewissen allein.
Ein verwandtes Trugbild ist die Weltfremdheit der römischen Zentrale - die Ausflucht lokaler Funktionäre, die ihre Usancen nicht auf dem Prüfstand sehen wollen. Der Visitator der Weltkirche mußte Anstoß erregen: als der Unbefangene des Vatikans. Johannes Paul II. wollte nicht einfach hinnehmen, daß in der Bundesrepublik Deutschland die Abtreibung eine sozialstaatliche Leistung ist und die Kirche nur durch Mitwirkung am Scheinestempeln Schlimmeres verhüten könne. Anders hätte er womöglich gedacht, wäre Pius IX. 1870 aus Rom geflohen und hätte das Papsttum wie im Mittelalter bei den deutschen Kaisern Schutz suchen müssen.
Wozu hätte die Kirche ihre Freiheit vom Staat erkämpfen sollen, wenn sie das Geschlechtsleben und das Geschlechterverhältnis nicht anders ansehen dürfte als andere Institutionen? Die Ausreden des allgewaltigen Konformismus stehen dem Papst nicht zu Gebote. Ihn bindet weder Landessitte noch Zeitgeist. Der römische Weltbürger ist ein freier Herr und niemandem untertan, als freier Christenmensch ein Beispiel für alle anderen.
Text: F.A.Z., 09.04.2005, Nr. 82 / Seite 1