21. Oktober 2004 Es klingt wie ein guter Witz. Von heute an treffen sich etliche der in deutschen Landen tonangebenden, markt- und szenebeherrschenden Theaterleute, Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler und ganz zuletzt noch ein paar arme Dramatiker. Sie werden sich drei Tage lang mit einem einzigen Thema beschäftigen: "Wohin treibt das Theater?"
Dies tun sie allerdings unter der Patronage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Genau darin steckt der Witz. Denn nichts liegt der Mehrzahl der dort versammelten Theatermacher, nichts auch liegt dem deutschen Theater in seinem repräsentativen Querschnitt zur Zeit so fern wie Sprache und Dichtung. Die Dichter und Dramatiker und ihre Sprecher und Fürsprecher auf der Bühne sind, nehmt alles nur in allem, weggefegt.
An ihre Stelle ist der Regisseur getreten. Er streicht nicht nur - was noch jeder Regisseur getan hat. Er fügt hinzu, er dichtet um, er zer- und durchsetzt alte und neue Stücke mit dem, was ihm gerade durch den Privatkopf rauscht an Lieblingsschallplatten oder Lieblingstexten aus seinem Zettelkasten. Er inszeniert sich selbst. Nicht die Dichter. Und schon gar nicht das Verdichtete. Mit beidem ist er schnell und längst fertig.
Ein Kurzstreckenweltmeister
Überhaupt ist das deutsche Theater, das ob seiner in der Welt einzigartigen, öffentlich subventionierten Struktur sich gern als "Theaterweltmeister" selbst bewundert, vor allem ein Theaterkurzstreckenweltmeister. Kaum noch eine Inszenierung, die auch bei größten, schwierigsten alten Stücken länger als neunzig Minuten dazu brauchte, das Zielband zu zerreißen, und nicht den Text mit Hochgeschwindigkeit abnudelte.
Kaum noch ein Theater, das sich geduldig, aufmerksam und liebend auf neue Dramentexte einließe und statt dessen nicht lieber Romane oder Filmskripte so bearbeitete, daß der Regisseur oder wahlweise der Dramaturg damit machen kann, was er mit den alten Stücken auch macht: nämlich was er will. So hält zum Beispiel ein Regisseur wie Frank Castorf Theaterstücke insgesamt für doof und "ziemlich unsexy".
Kaum noch ein Theaterverlag, der nicht in Konflikt mit einer ständig zunehmenden Zahl von Bühnen läge, denen er es erst juristisch untersagen muß, neuere, unterm Urheberrecht stehende Dramentexte so zu verfremden, daß sie niemand mehr wiedererkennt - vor allem nicht deren Autoren. Kaum noch aber auch ein Theatermann, von dem man öffentlich hörte, daß er sich für ein altes oder neues Stück, eine Figur, einen Text, einen Ton brennend, liebend, verrückt, hungrig interessierte. So kann zum Beispiel die Stadt Moers stolz mitteilen, in ihren Mauern und unter der Regie ihrer Stadttheatermacher "spielt Antigone Hallen-Tennis".
Theatrales Leben
Es herrscht, nehmt alles nur in allem und die modischen Spitzen für den ganzen Eisberg, in Theaterdeutschland von seiten der Theatermacher ein allgemeines, großes Achselzucken den dramatischen Inhalten gegenüber. So sehr, daß jüngere, völlig illusions-, aber auch poesielose, auf alle Kunst und Literatur pfeifende Theaterleute dazu übergehen, sich gleich in Privatwohnungen oder Gerichtssälen oder Flughäfen mit ihrer Truppe einzunisten und Privatleben und Strafprozesse und allfälligen Luftverkehrsbetrieb nicht mehr zu spielen, sondern bevorzugt mit Laiendarstellern szenisch abzubilden, was sie dann "theatrales Leben" nennen - freilich nicht ohne dafür saftige Regiehonorare einzustreichen.
Das Theater zeigte in den Jahrhunderten bisher wirklich, was in Wirklichkeit nicht ist: Es tat immer noch nur so, als ob. Und machte mit dem Spiel Ernst. Und schuf daraus neues Leben, zeigte einer Welt und einer Gesellschaft das, was über Welt und Gesellschaft hinausgeht. Und das konnten und mußten Welt und Gesellschaft zu Recht subventionieren: als Zinsvorschuß aufs Kapital einer Gegenwelt. Jetzt aber geht das Theater vermehrt dazu über, sich mit der Wirklichkeit zu verwechseln beziehungsweise mit dem, was, so die obszöne Regisseursfloskel, "mich daran interessiert". Was aber jemanden persönlich, privat interessiert, bedürfte eigentlich keiner öffentlichen Subvention.
Öffentliche Höchstpreise
Die tonangebenden Regisseure verwerten denn auch ihre Stile, Marotten, Moden und Einfälle wie private Marken, die man heute in Hamburg, morgen in Frankfurt, übermorgen in Wien verkauft - zu öffentlichen Höchstpreisen. So lösen sich auch einzelne Theater langsam auf in einem Regie-Gesamtmarketing. Und so ist der Regisseur, der ja auch nicht mehr Diener der Dichter sein mag, auch nicht mehr Diener eines Hauses - sondern ein gesamttheaterwirtschaftlicher Ausbeuter.
Derweil aber gibt es kaum noch ein großes Haus, das nicht sanierungsbedürftig wäre, dafür aber kein Geld mehr hat. Und in weiten Teilen Deutschlands wird es bald kaum noch eine Gemeinde geben, die nicht pleite wäre oder vor der Pleite stünde und irgendwann ihr Theater gar nicht mehr zu finanzieren in der Lage ist. Theater, die längst nicht mehr den Mittelpunkt dieser Kommunen bilden, weil sie auch nichts anderes machen, als was das Fernsehen oder die nächste Lounge oder Disco nicht besser machen.
Abwenden vom Theater
Theater, die ihre Stadt und ihr Publikum so lange mit Privatmarotten und Selbstbespiegelungen provoziert und also zu Tode gelangweilt haben, daß weite Teile der Gesellschaft eben auch ins Achselzucken der Theaterleute mit eingefallen sind: Sie wenden sich vom Theater ab. Es steht bis weit in aufgeschlossene, neugierige, fortschrittliche bürgerliche, kulturtragende Kreise hinein zur Disposition.
Es hat für sie kein Geheimnis mehr. Weil es fast alle seine Geheimnisse verspielt hat. Es ist wenig mehr davon übrig, wovor man staunende Achtung, ja produktive Angst hätte, worauf man sich unbändig freute, was einen erregte, einem eine fremde, verdichtete Welt entgegensetzte, die eine Sprache spräche, die nicht Alltag wäre. Wenn Antigone Tennis spielt, verliert sie nach Punkten. Wenn sie den Staat auf Leben und Tod herausfordert, hat sie unser Herz. Wohin also treibt das Theater? Wie es gerade ausschaut, ins Abseits.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2004, Nr. 246 / Seite 1
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