Leitartikel

Deutsch-polnische Ungleichzeitigkeit

Von Stefan Dietrich

04. Dezember 2005 Ihrem Antrittsbesuch in Warschau schickte die Bundeskanzlerin die Botschaft voraus, die deutsch-polnischen Beziehungen seien "noch nie so gut gewesen wie heute". Wie bitte? Hat Frau Merkel nicht die Aufwallungen wegen des "Zentrums gegen Vertreibungen" mitbekommen? Nicht die bündnis- und europapolitischen Konfrontationen während des Irak-Kriegs und die Auseinandersetzungen über den Verfassungsvertrag der Europäischen Union? Nicht die polnischen Proteste gegen die russisch-deutsche Erdgas-Pipeline? Sollte der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden tatsächlich entgangen sein, daß ihre polnischen Gastgeber mit unverblümt antideutschen und antieuropäischen Wahlkampagnen zuerst den Sieg in der Parlamentswahl und dann auch noch den in der Präsidentenwahl errangen?

Nein, die Bundeskanzlerin ist durchaus auf dem laufenden. Ihr Satz ist auch kein Beispiel für Leisetreterei. Der wahre Kern ihrer Botschaft erschließt sich, wenn man als "heute" die neue Lage nach der Ost-Erweiterung der EU definiert und sie mit den 250 Jahren deutsch-polnischer Geschichte davor vergleicht. Der Antagonismus, der durch die polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts gestiftet wurde, sich durch preußische Unterdrückung, durch Volkstumskämpfe nach dem Ersten Weltkrieg, durch nationalsozialistischen Terror und schließlich durch die Vertreibung der Deutschen zur Erbfeindschaft aufschaukelte, ist aufgelöst. Die tief eingewurzelten Feindbilder mögen sich zwar noch eine Weile instrumentalisieren lassen; das vereinte Europa bietet ihnen aber keinen Nährboden mehr. Selbst eine linksnationalistische Regierung wie die gegenwärtige in Warschau, die sich der alten Klischees bediente, um die Macht zu erobern, kann nicht umhin, dem übermächtigen Interesse Polens an einer gedeihlichen Zusammenarbeit in Europa Tribut zu zollen. Ob sie es will oder nicht - auch die neue Warschauer Führung ist mit von der europäischen Partie. Durch Ausscheren würde sie mehr dem eigenen Land als anderen schaden.

Auch das in den neunziger Jahren vielfach überstrapazierte Wort von der "deutsch-polnischen Interessengemeinschaft" war nur zu verstehen als Beendigung der Blockkonfrontation durch gemeinsames Eingehen in einen größeren Interessenverbund, nicht als Aufhebung konkreter Einzelinteressen. Nationale Gegensätze sind schließlich nichts Besonderes in der EU. Der Zwang zu Mehrheitsentscheidungen hat dennoch das Gemeinsame wachsen lassen. Er wird diese Wirkung auch im deutsch-polnischen Nebeneinander entfalten. In Warschau ist durchaus registriert worden, daß sich die CDU-Vorsitzende Merkel im Wahlkampf von Schröders Achsenpolitik über die Köpfe der Nachbarn hinweg distanziert hat. Lech Kaczynski, der designierte Staatspräsident, der Frau Merkel vor einigen Wochen nicht einmal zu einem Fototermin treffen wollte, war klug genug, ihr nun entgegenzukommen. Mehr hat die Bundeskanzlerin vorerst nicht erreichen wollen.

Schlecht steht es nach wie vor um die emotionale Seite dieser Beziehungen. Wie kann das Mißtrauen überwunden werden, das so dicht unter der Oberfläche scheinbaren Einvernehmens nistete, daß es von interessierter Seite wie auf Knopfdruck wieder aktiviert werden konnte? Nicht durch Wegducken, nur mit Geduld.

Der tiefere Grund für die Mißhelligkeiten, die das Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen" hervorgerufen hat, liegt vor allem in der Ungleichzeitigkeit historischer Aufarbeitungsprozesse in Deutschland und in Polen. Daß dem vereinten Deutschland als "Gründungsmythos" die Anerkennung historischer Schuld mitgegeben wurde, ist Ergebnis eines langen und quälenden Ringens gewesen. Die Stadien dieses Ringens waren gekennzeichnet durch Verdrängung und Selbstmitleid, dann durch Gewissenserforschung und Selbstanklage, schließlich durch Bußfertigkeit und die Selbstverpflichtung, sich aktiv für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Erst danach begann man hierzulande, sich den vergessenen eigenen Opfern zuzuwenden, und zwar durchaus im Sinne der Selbstverpflichtung: Das "Zentrum gegen Vertreibungen" hatte von Anfang an den Plural im Namen und nicht, wie unterstellt wurde, die Überhöhung des eigenen Leids.

Unterdessen hat aber auch in Polen eine Gewissenserforschung eingesetzt, die das tradierte Selbstbild vom "ewigen" Opfer westlicher und östlicher Großnachbarn ins Wanken brachte. Polnische Wissenschaftler deckten auf, daß es nicht nur die Kollaboration mit Moskau gegen das eigene Volk gab, sondern auch polnische Helfer bei der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Historiker zeigten, daß der "Transfer" der Deutschen keineswegs so "ordnungsgemäß" abgewickelt worden war, wie es die kommunistische Propaganda dem Volk jahrzehntelang eingeredet hatte. Das Projekt der Vertriebenenpräsidentin Steinbach trifft die Polen im Übergang vom Selbstmitleid zur Aufarbeitung eigener Schuld. Geisterbeschwörern alter Schule fiel es nicht schwer, diesen Prozeß zu torpedieren, indem sie Verbindungslinien zogen zwischen polnischen "Nestbeschmutzern" und angeblichen deutschen Versuchen, "die Geschichte umzuschreiben". Polnische Advokaten einer Verständigung mit Deutschland müssen seither fürchten, im eigenen Land als "fünfte Kolonne" gebrandmarkt zu werden. Noch läßt sich die Mehrheit der Polen von solchen Gespenstern erschrecken. Jüngere lachen schon darüber. Die wahrhaftige Auseinandersetzung mit der ganzen deutsch-polnischen Geschichte kann auf Dauer weder in Polen noch in Deutschland aufgehalten werden.

Text: F.A.Z., 05.12.2005 / Seite 1

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