Kommentar

Die Filme der Anderen

Von Verena Lueken

Was erwartet die Welt vom deutschen Film? Szene aus “Das Leben der Anderen“

Was erwartet die Welt vom deutschen Film? Szene aus "Das Leben der Anderen"

27. Februar 2007 Schon seit einiger Zeit zieht das deutsche Kino internationale Anerkennung und damit einen märchenhaften Preissegen auf sich – die Verleihung des Oscars für den besten nicht englischsprachigen Film an „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck ist Bestätigung und Krönung dieses Trends zugleich. Es begann mit dem Oscar für Caroline Link 2003 und hat seitdem nicht aufgehört.

Festivalgewinne, europäische Filmpreise, nun wieder ein Oscar – das deutsche Kino hat sich den Respekt in der Welt, der vor allem in den späten achtziger und neunziger Jahren flöten gegangen war, wiedergeholt. Dabei ist ziemlich klar, was international vom deutschen Film erwartet wird: politisch relevante Geschichten nämlich, wie sie die in den vergangenen Jahren Oscar-nominierten „Sophie Scholl“ oder „Der Untergang“ ein wenig bieder, die deutschen Oscar-Gewinner „Die Blechtrommel“ 1980, „Nirgendwo in Afrika“ 2003 und nun „Das Leben der Anderen“ allemal ein bisschen besser erzählen.

Vielleicht liegt die Zukunft jenseits der Vergangenheit

Niemand will vom deutschen Film offenbar, was etwa der mexikanische mit seinen drei Oscar-Anwärtern „Children of Men“, „Babel“ und „Pans Labyrinth“ in diesem Jahr zeigte: überwältigenden Bildreichtum, weltumspannende Thematiken, visuell komplexe Erzählstrategien. Vom deutschen Kino will man deutsche Themen, am besten aus der Geschichte des Landes, nichts Phantastisches, nichts Atemnehmendes, auch möglichst nichts Kontroversentaugliches, nichts Humoristisches und keinesfalls etwas Grenzgängerisches, wie es inzwischen durchaus Eingang in die Welt der Oscars gefunden hat. Das soll natürlich alles nicht die Freude an dem Oscar fürs „Leben der Anderen“ mindern; der Erfolg des Films und die höchste internationale Auszeichnung sind verdient. Aber ein wenig weckt bei den Oscars wie auf internationalen Filmfestivals die Parade der Filme aus anderen Ländern, in denen so viel vielfältiger, so viel riskanter und auch spielerischer im Umgang mit den filmischen Möglichkeiten Kino gemacht wird, den Wunsch nach alldem auch bei uns.

Immerhin haben wir mit der Berliner Schule einen intellektuellen Zweig des Filmemachens, um den uns einige Nachbarländer beneiden; und in von Donnersmarck, der mehr und mehr sein eigenes Universum auszufüllen scheint, haben wir einen begeisterten „Mainstreamer“, der nicht nur das internationale, sondern auch das deutsche Publikum wieder ans deutsche Kino gewöhnt, und dazwischen noch Tom Tykwer, der immer komplexitätssteigernd arbeitet. Die Gegenwart ist glorios. Vielleicht aber liegt die Zukunft unseres Kinos jenseits der Vergangenheit.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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