20. März 2006 Nach einer Umfrage vom Januar 2006 hielten 47 Prozent der Iraker Angriffe auf die amerikanische Armee für gerechtfertigt, unter den irakischen Sunniten waren es sogar 88 Prozent. So hatten sich die Amerikaner das Ergebnis ihres am 20. März 2003 begonnenen Befreiungskrieges gegen Saddam Hussein nicht vorgestellt.
Präsident Bush verkündete am 1. Mai 2003 das Ende größerer Kampfhandlungen. Doch seither haben die Gewalttaten im Irak Jahr für Jahr zugenommen. Zuerst waren die Täter Widerstandskämpfer aus Saddam Husseins geschlagener Armee, sie rekrutierten sich aus Aktivisten der Baath-Partei und aus Sunniten, die um ihre Vormachtstellung im Land fürchteten. Dann nisteten sich die Terroristen eines von dem Jordanier al Zarqawi angeführten Al-Qaida-Ablegers im Irak ein.
Mit Selbstmordanschlägen, Entführungen und mit der grausamen Hinrichtung von Geiseln kämpfen sie nicht nur gegen die Besatzungstruppen, sondern säen auch Panik in der Bevölkerung, besonders unter der schiitischen Mehrheit. Die Schiiten wiederum bildeten Milizen, die inzwischen zum Teil in die staatlichen Sicherheitskräfte eingegliedert wurden; als Todesschwadronen üben sie nun Vergeltung für Anschläge und rächen sich an den Sunniten für Jahre der Unterdrückung. Gerade die vergangenen Wochen, mit dem Höhepunkt des Anschlags auf die Goldene Moschee in Samarra, zeigen, daß der Irak auf einen Bürgerkrieg mit religiösen und ethnischen Fronten zutreibt.
Fortschritte im politischen Prozeß
Besser sieht es auf den ersten Blick mit Fortschritten im politischen Prozeß aus. Schon im Juli 2003 wurde ein Regierender Rat eingesetzt, in dem zurückgekehrte Exiliraker wichtige Posten innehatten. Im Juni 2004 wurde die Souveränität über das Land förmlich an die irakische Regierung übergeben. Im Januar 2005 fand die erste freie Wahl statt, im Oktober wurde eine Verfassung von fast 80 Prozent der Iraker gebilligt, im Dezember mit hoher Wahlbeteiligung ein Parlament gewählt, das erstmals eine volle Legislaturperiode von vier Jahren im Amt bleiben soll.
Doch die Hoffnung, daß die Etappen der Demokratisierung auch Stationen auf dem Wege der Befriedung des Landes würden, hat getrogen. Mit der Demokratie sind auch die religiösen und ethnischen Konflikte im Irak institutionalisiert worden: in politischen Parteien sowie in der Dreiteilung des Landes in das Kurdengebiet im Norden, den schiitischen Süden - beide mit Ölquellen reich gesegnet - und das Hauptsiedlungsgebiet der Sunniten in der Mitte. Ein Auseinanderfallen des Iraks in drei staatliche Gebilde ist nicht mehr auszuschließen. Das würde die gesamte Region erschüttern.
Niemand wollte etwas hören
Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Bagdad, Khalilzad, ein gebürtiger Afghane, der in verschiedenen amerikanischen Regierungen als Spezialist für den Mittleren Osten tätig war, hat vor kurzem gesagt, der Krieg gegen den Irak habe die Büchse der Pandora, aus der nach Hesiods Erzählung das Übel in die Welt gekommen ist, geöffnet. Das hätte man vorher wissen können. Sogar die wegen ihrer falschen Informationen vor Kriegsbeginn viel geschmähte CIA hat, wie der bis 2005 für die Region zuständige Fachmann gerade enthüllt hat, die Schwierigkeiten, die im Irak nach einer Invasion auftreten würden, recht präzise vorhergesagt - nur wollte davon in der Regierung Bush niemand etwas hören, jedenfalls die maßgeblichen Leute nicht.
Die Begründungen für den Irak-Krieg - Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen und Al-Qaida-Verbindungen - sind inzwischen widerlegt. Aber auch von dem nachgeschobenen Kriegsziel - mit dem Regimewechsel im Irak sollte ein Demokratisierungsschub im Mittleren Osten angestoßen werden - ist nicht viel übriggeblieben. Der Aufstand im Libanon nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Hariri hat zwar zum Abzug der syrischen Besatzer geführt; aber das hat auch die innerlibanesischen Machtkämpfe neu entzündet, womit wiederum das Gespenst eines Bürgerkriegs auftaucht.
Keine Abkürzung in die Zukunft
In Syrien ist die Herrschaft Baschir al Assads erschüttert; aber als seine Erben kämen am ehesten alte Baath-Kader aus seines Vaters Zeiten oder neuformierte islamistische Kräfte in Frage. Von bestenfalls halbfreien Wahlen in Ägypten haben die Muslimbrüder profitiert; aus den freien Wahlen der Palästinenser ist die radikalislamische Hamas als Sieger hervorgegangen. Es scheint sich das Wort des polnischen Publizisten Ryszard Kapuscinski zu bestätigen, daß es keine Abkürzung in die Zukunft gibt, auch nicht in eine demokratische.
Hauptprofiteur der nach Saddams Sturz entstandenen Lage im Mittleren Osten ist Iran. Befreit von dem ehemals starken Rivalen Irak, sieht sich das Teheraner Mullah-Regime jetzt als die Vormacht am Persischen Golf, eingedämmt nur von der amerikanischen Militärpräsenz in der Region. Die Kompromißlosigkeit, mit der Iran die internationale Gemeinschaft mit seinem Nuklearprogramm herausfordert, entspringt diesem Gefühl neuer Stärke: Die militärischen Kräfte Amerikas sind im Irak gebunden, die Optionen gegenüber Iran demnach begrenzt. Außerdem könnte Teheran mit seinem Einfluß auf die schiitischen Glaubensbrüder und seine in den Irak eingeschmuggelte fünfte Kolonne das Land in ein Chaos stürzen und den Amerikanern ein neues Vietnam bereiten.
Der schlimmste Posten in der Bilanz nach drei Jahren Krieg im Irak ist jedoch die sich verschärfende Konfrontation zwischen der muslimischen und der westlichen Welt. Die hat es latent schon vorher gegeben; aber die Besetzung eines islamischen Landes hat der kulturellen Auseinandersetzung den Aspekt des politischen, sogar militärischen Kampfes hinzugefügt. Die daraus resultierenden Probleme werden uns alle auf Jahre hinaus beschäftigen.
Text: F.A.Z., 20.03.2006, Nr. 67 / Seite 1
Bildmaterial: AP, REUTERS