18. Oktober 2005 Den Ehrgeiz, der Welt zu zeigen, wer sie sind, haben alle Staaten. Südkorea fällt allerdings als ein besonders emsiger Trommler auf, wenn es darum geht, sich zu vermarkten, das eigene Image zu verbessern. Mit enormem Enthusiasmus und Aufwand wird jede Bühne besetzt, die geboten wird, um das "dynamische Korea" vor Augen zu führen. In Deutschland stand Korea jüngst im Mittelpunkt der Asien-Pazifik-Wochen, jetzt ist es, im "Koreajahr", Schwerpunkt der Buchmesse. Dieses Parkett lockt generell nicht allein Autoren und Verleger, doch Südkorea kommt mit einer auffällig hochrangigen Delegation nach Frankfurt: Ministerpräsident, Minister und natürlich das wissenschaftliche Aushängeschild, Klonforscher Hwang. Derweil wird zu Hause in Busan schon mit aller Kraft der Apec-Gipfel vorbereitet, die Werbemaschinerie für die Olympischen Winterspiele rollt, die man 2014 ins Land holen will. Weitblickende Strategen liebäugeln bereits mit der Weltausstellung.
Südkorea sucht sich ständig zu beweisen, setzt sich immer neue Ziele und ist doch eigentlich längst angekommen. Über "made in Korea" mögen manche noch die Nase rümpfen, doch die dort gebauten Flachbildschirme stehen in deutschen Wohnzimmern, koreanische Autos rollen über deutsche Straßen, in den Kinos laufen koreanische Filme. Trotz der Allgegenwart koreanischer Erzeugnisse im Ausland ist den wenigsten bewußt, welch rasende Entwicklung das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten vollzogen hat. Noch immer weckt Korea bei vielen ordentliche, oft aber düstere Assoziationen: Teilung, Streiks, Militär, die Nuklearkrise.
Am bekanntesten ist wohl noch das Wirtschaftswunder, das General Park Chung-hee mit Härte eingeleitet hatte und das selbst die schwere Währungskrise 1997 entgegen vielen Befürchtungen überstand. Anfang der sechziger Jahre lag Südkorea noch auf dem Niveau von Afghanistan, heute ist es die zehntgrößte Volkswirtschaft. In der Hauptstadt Seoul entsteht ein Glaspalast neben dem anderen, der koreanische Weltmarktführer für Speicherchips läuft amerikanischen Firmen den Rang ab. Nur drei andere Länder verfügen über mehr Devisenreserven. Politisch ist der Wandel nicht weniger beachtlich; die einstige Militärdiktatur ist heute eine lebendige, gefestigte Demokratie.
Der Durchbruch aber kam mit einem sportlichen Ereignis. Die überaus erfolgreichen Olympischen Spiele von 1988 waren Südkoreas erster gewaltiger Schritt in die Welt, heraus aus dem tiefen Schatten Japans und des KoreaKriegs. Schon damals wurde das Ereignis strategisch geplant mit dem großen nationalen Ziel, die neue Wirtschaftskraft vorzuführen und von mehr Staaten diplomatische Anerkennung zu erfahren. Aus der Resonanz von 1988 rührt Seouls bis heute unerschütterter Glaube an die Wirkung von Leistungsschauen. Dies wurde 2002 noch bestärkt, als Korea bei der Fußballweltmeisterschaft nicht nur sportlich glänzte, im unmittelbaren Vergleich mit den organisationserfahrenen Japanern Bestnoten errang.
Stärker versucht Korea inzwischen seine alte Kultur zu präsentieren, die im Westen allzuoft zwischen Japan und China unbeachtet bleibt. Schon 200 Jahre vor Gutenberg wurden in Korea die ersten Drucke angefertigt, mit einzeln geschnittenen Lettern aus Metall. Die Moderne dagegen ist bekannter. Europa wundert sich vielleicht noch über die Auszeichnungen für koreanische Regisseure, Asien aber ist schon in eine "koreanische Welle" eingetaucht. Vor allem in Japan, aber auch in Taiwan und Thailand stehen die Jugendlichen auf "K-Pop", koreanische Seifenopern, Schauspieler und Manga. Koreanische Musiker stärken die berühmtesten Orchester. Auch der Bildung wird inzwischen vom Ausland Respekt gezollt, südkoreanische Schüler, von ehrgeizigen Eltern zu Höchstleistungen getrieben, liegen in Pisa-Studien an der Spitze.
Die Olympia-Parole trägt bis heute: "Immer nach vorn!" Doch spielerisch ist der Aufschwung ganz und gar nicht gekommen. Vielmehr übten sich Regierungen, autoritäre wie demokratische, in Infrastrukturpolitik, in ambitionierten Fünfjahresplänen. Dabei halfen konfuzianisch geprägte Hierarchien und ein ungewöhnlich starker nationaler Zusammenhalt, der sich auch in der Finanzkrise zeigte, als Südkoreaner zur Stärkung des Won ihr Familiengold verkauften. Und als die Strategen der Regierung das Internet entdeckten, wurde Südkorea kurzerhand in den Cyberspace katapultiert. Kein Land ist heute besser vernetzt, drei Viertel der privaten Haushalte sind ans Breitband angeschlossen. Ähnlich dirigistisch werden jetzt auch Biotechnologie und Digitaltechnik hofiert, Nischen der Wissenschaft gezielt besetzt, von denen man sich die Zukunft erhofft. Denn auch in Südkorea sind die Wachstumsraten - nunmehr auf hohem Niveau - nicht mehr wie früher.
Bei allen Erfolgen hat Südkorea ein gespaltenes Verhältnis zu sich selbst, sein instabiles Selbstbewußtsein ist der eigenen Entwicklung mal voraus, mal hinterher. Die Geschichte Koreas ist die Befestigung einer Identität, die dem Land mehr als einmal geraubt und abgesprochen wurde. Invasionen, japanische Kolonialherrschaft, Bruderkrieg und Teilung hat das koreanische Volk erdulden müssen - und bis heute nicht verwunden. Wenn Koreaner die Lage ihres Landes beschreiben, dann greifen sie gern zum Bild von der Garnele unter Walen: Umgeben von den gigantischen Nachbarn China, Rußland und Japan, hängt die koreanische Halbinsel wie ein kleiner Vorsprung am östlichen Rand des asiatischen Kontinents. Nicht nur in der koreanischen, auch in der ausländischen Wahrnehmung steht Südkorea im Schatten des zur Weltmacht aufstrebenden China, der zweitgrößten Exportnation Japan und seiner Schutzmacht Amerika.
Südkorea hat gegen alle Widrigkeiten viel erreicht. Die größte Herausforderung steht allerdings noch bevor: eine Wiedervereinigung, die nicht nur der Halbinsel Einheit, sondern auch Einigkeit und der Region Frieden sichert.
Text: F.A.Z., 19.10.2005, Nr. 243 / Seite 1
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