19. Januar 2005 Aus den Hallentoren rollt ein Flugzeug der Superlative. Größer, leiser, sparsamer, schneller, großartiger als alle bisherigen Fluggeräte. Der neue Airbus läßt die Herzen der Techniker höher schlagen, seine Dimension beeindruckt. Mit dem A380 schreibt Europa Luftfahrtgeschichte. Niemand wußte vor zehn Jahren, wie sich der Luftverkehr entwickeln würde, als der Bau des Riesen in einem europäischen Gemeinschaftsprojekt beschlossen wurde. Heute wird der Mut zum Risiko belohnt. Immer mehr Fluggesellschaften bestellen Europas Großraumflugzeuge und nicht mehr die Jumbos von Boeing. Wahrscheinlich schlägt der Flugriese ein neues Kapitel im Massentourismus auf. Anstelle vieler Direktflüge wird der Verkehr künftig noch stärker in weniger Langstreckenflügen gebündelt: Fliegen wird noch billiger und alltäglicher.
Die Staatschefs feiern in Toulouse auch sich selbst. Aus gutem Grund sehen sie in der Erfolgsgeschichte von Airbus die Krönung ihrer Industriepolitik. Denn ohne kräftige staatliche Hilfe wäre Airbus gegen den von Amerikas Regierung und Militär gepäppelten Erzrivalen Boeing nicht auf die Beine gekommen. Wohl auch deshalb beschwört Bundeskanzler Schröder die soziale Teilhabe des guten alten Europas. Tatsächlich hat das Großraumflugzeug Tausende Arbeitsplätze in ganz Europa geschaffen. Doch wurden und werden hierfür ungezählte Milliarden aus Steuermitteln aufgewendet, obwohl Airbus heute keine Beihilfen mehr nötig hätte.
Frankreichs Staatschef Chirac ist industriepolitisch schon wieder einen Schritt weiter. Geübt in französischer Planification, gründet er eine staatliche Agentur für Innovation und Industrie. Schließlich soll auf dem EU-Gipfeltreffen im März die vor sich hin dümpelnde "Lissabon-Strategie" endlich mit Leben erfüllt werden. Zum wiedererweckten Glauben an den vermeintlichen Segen staatlicher Wirtschaftslenkung paßt, daß während der Feierlichkeiten auf dem Toulouser Rollfeld in Brüssel die Reste des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts zu Grabe getragen werden. Wenn die letzten Barrieren für staatliches Schuldenmachen geschleift sind, dann könnten künftig mit Verweis auf europäische Champions auch noch Banken oder Autohersteller subventioniert werden - zum Schaden des Freihandels.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2005, Nr. 15 / Seite 1