04. Juni 2008 In Amerika ist dieser Tage viel von Geschichte, vom historischen Augenblick die Rede – und es ist kein bisschen übertrieben. Soeben ist erstmals ein Schwarzer zum Kandidaten der Demokratischen Partei für das Amt des Präsidenten gewählt worden. Barack Obama wird Millionen Amerikaner schwarzer Hautfarbe in dem Glauben bestärken, dass man es doch schaffen kann.
Um ein Haar wäre Obama einer Frau unterlegen, die es bei episch langen Vorwahlen so weit gebracht hat wie keine zuvor. Hillary Clinton hat Millionen Frauen in Amerika in dem Glauben bestärkt, dass man es immerhin fast schaffen kann.
Bereit für den Wechsel
Amerika ist bereit für einen Wechsel, vielleicht sogar für einen historischen Wandel. Schon allein deshalb, weil vier Fünftel der Amerikaner der Ansicht sind, das Land bewege sich in die falsche Richtung.
Dafür gibt es triftige Gründe: Das Wirtschaftswachstum ist fast zum Stillstand gekommen, das Gespenst einer Rezession noch nicht verscheucht; der für amerikanische Verhältnisse hohe Benzinpreis wird als Straßenraub empfunden; der Traum von den eigenen vier Wänden wird von der Hypotheken- und Finanzkrise erschüttert.
Und dann ist da noch der unerledigte Krieg im Irak: Der hat das Ansehen der Supermacht beschädigt, das Selbstwertgefühl der Amerikaner getroffen und deren instinktives Wissen um die geschichtliche Rolle Amerikas, seine Mission, angegriffen.
Vor der Ernüchterung
Aber wer auch immer im November zum Präsidenten gewählt wird, so grundstürzend, wie es jetzt tönt, wird der Wechsel nicht werden. Der Republikaner John McCain erinnert das im Herzen konservative Amerika daran, dass zumal in Zeiten der Krise eine aufgeblähte Regierung Teil des Problems ist.
Er will das Vertrauen der Amerikaner in ihren Erfindungs-, Pionier- und Unternehmergeist wiederbeleben. Er beschwört die amerikanische Grundüberzeugung, dass stets der Einzelne, wenn man ihn walten lässt, die bessere, die zukunftsweisende Lösung finde und nicht der Staat“ mit seinen Bürokratien.
Sollte Obama die Wahl gewinnen – dafür spricht gegenwärtig vieles, denn nach zwei Amtszeiten eines unpopulären Republikaners im Weißen Haus dürften die Demokraten an der Reihe sein –, dann wird die Ernüchterung größer sein, und zwar schon deshalb, weil der Ton des Bewerbers so hoch ist.
Obamas biblische Rhetorik
Da ist in fast biblischem Duktus von den (unversicherten) Kranken die Rede, denen endlich geholfen werde; von den Arbeitslosen, denen wieder Lohn und Brot gegeben würden; von den Wassern des Meeres, die der Prediger zwar nicht gleich zu teilen, deren Anstieg im global veränderten Klima er aber zu stoppen verspricht. So nah am Abgrund steht Amerika nun auch nicht, als dass es nur ein entschlossener politischer Messias vor dem Absturz retten könnte.
In den Ebenen des politischen Tagesgeschäfts geht alles mühsamer und langsamer als in der luftigen Höhe der Reden des Wahlkampfs. Das wissen die pragmatischen Amerikaner, seit sie ihr geglücktes Experiment der Demokratisierung ihres Gemeinwesens vor mehr als zwei Jahrhunderten begonnen haben.
Aber es wird den Wechsel, der bis zum Wahltag am 4. November bis zum Überdruss beschworen werden wird, tatsächlich geben. Der wird am deutlichsten in der Energie- und Umweltpolitik sein. Der Ruf nach Unabhängigkeit – oder jedenfalls nach weniger Abhängigkeit – von importierten fossilen Brennstoffen wird nicht mehr verstummen, selbst wenn die Benzinpreise wieder fallen sollten.
Inhaltliche Fragen im Mittelpunkt
Die Welt wird erleben, dass Amerika bei der Nutzung erneuerbarer Energieträger nach vorne, womöglich an die Weltspitze stürmt; die Kernenergie wird dabei nicht aufgegeben. Amerika wird sich unter einem neuen Präsidenten bindenden Obergrenzen und Reduzierungszielen bei der Emission von Treibhausgasen unterwerfen und danach streben, ein mustergültiger, zumindest anständiger Mitbürger in der globalen Klimagemeinde zu werden.
Ob die gegenwärtig 47 Millionen unversicherten Amerikaner irgendeine Form von Krankenversicherungsschutz erhalten und zugleich die Kosten im Gesundheitswesen begrenzt werden können, steht dahin. Eine andere Großaufgabe besteht darin, die Qualität des öffentlichen Schulsystems so zu steigern, dass es allen Amerikanern eine solide Berufsbildung ermöglicht und sie zum Hochschulstudium befähigt.
Die besten Tage vor sich
In der Außenpolitik wird es weder unter McCain noch unter Obama eine Kehrtwende geben – nicht einmal einen raschen Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Irak. Aber Amerika wird wieder mehr auf seine Verbündeten hören und mehr Zusammenarbeit mit Partnern und Konkurrenten suchen; dafür wird es mehr Lastenteilung fordern, etwa in Afghanistan.
Amerika wird sich im Zeitalter der globalisierten Chancen und Gefahren nicht aus der Welt zurückziehen. Am Abend des historischen Vorwahlsieges eines schwarzen Bewerbers bekannten sich die Kandidaten beider Parteien zum amerikanischen Glauben“: Unsere besten Tage kommen erst noch“, rief McCain, und Obama bekannte sich zu den Vereinigten Staaten als der letzten besten Hoffnung“ für die Welt. Es war Amerikas Augenblick. Der wird, wenn überhaupt, nicht so rasch vergehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP