Leitartikel

Ein Pyrrhus-Sieg

Von Wolfgang Günter Lerch

05. Juni 2007 Der Sechstagekrieg hat die folgenden vierzig Jahre belastet.

Die Bilder jener Tage sind noch in Erinnerung: Vor genau vierzig Jahren stand General Mosche Dajan, umringt von einem Trupp israelischer Soldaten, vor der "Klagemauer" in Ost-Jerusalem. Sogar der ganz und gar weltlich eingestellte Dajan konnte einen Anflug religiöser Rührung nicht unterdrücken, wusste er doch, dass die Juden das Vordringen seiner Truppen zu diesem letzten Rest des herodianischen Tempels, der bis zu jenem Tag zum Königreich Jordanien gehört hatte, fortan geradezu als Wunder preisen würden. Die Sehnsüchte aller Zionisten, der religiösen wie der weltlichen, schienen mit dem Sieg erfüllt zu sein. Soldaten beteten im Scheinwerferlicht der Kameras an der Mauer. Israel sah sich plötzlich imstande, das ihm heilige Jerusalem zu vereinigen - zu seiner "ewigen Hauptstadt", wie es bis heute heißt.

Die Eroberung der "arabischen Altstadt" war Teil eines Krieges, der unter dem Namen "Sechstagekrieg" oder "Junikrieg" in die Geschichte eingegangen ist. Der jüdische Staat antwortete auf die Schließung der Straße von Tiran und andere gefährliche Provokationen durch den ägyptischen Präsidenten Nasser. Nicht nur in Israel, auch außerhalb wurden Strategie und Schlagkraft der israelischen Armee bewundert. Der Sieg über die arabischen Nachbarn war in kürzester Zeit errungen worden (nach der Vernichtung der ägyptischen Luftwaffe am zweiten Tag am Boden war der Waffengang im Grunde schon entschieden), Israel eroberte das Westjordanland, den Golan, den Gazastreifen und den gesamten Sinai bis zum Suezkanal. Auch dem Westjordanland, dem biblischen "Judäa und Samaria", hatten religiöse und zionistische Sehnsüchte gegolten.

Im Triumph des siegreichen Augenblicks gab es kaum jemanden, der die Komplikationen der Zukunft hätte voraussehen können oder gar wollen. Israel, gerade einmal neunzehn Jahre alt, schien nun gesichert; auf beeindruckende Weise und "schlagend" hatte es auch seine militärische Überlegenheit vorgeführt.

Aus heutiger Sicht erweist sich der Sechstagekrieg freilich als das klassische Beispiel eines Pyrrhus-Sieges, eines Sieges, der mehr Schwierigkeiten schafft, als er Beute oder Nutzen einbringt. Die Wiedervereinigung Jerusalems ist nicht wirklich geglückt; die auch den Muslimen heilige Stadt ist endgültig zum ständigen Zankapfel und Streitobjekt geworden, der Konflikt noch stärker als zuvor auch religiös aufgeladen. Der Tempelberg, Juden wie Muslimen kostbar, wurde Auslöser einer Dauerkrise, die gelegentlich, wie im Fall der zweiten Intifada seit dem Jahre 2000, für lange Zeit in offene Gewalt umschlug. Selbst einem guten Bürgermeister wie dem legendären Teddy Kollek gelang es allenfalls, die Gemüter ruhigzustellen und die Stimmung vorübergehend zu verbessern.

Seit vierzig Jahren nun ist Israel auch eine Besatzungsmacht. Während es den Sinai auf der Grundlage der Abkommen von Camp David (und nach einem weiteren Krieg) wieder an Ägypten zurückgab und seine Siedlungen schleifte, ist es im Westjordanland nach wie vor präsent. Wenigstens den Gazastreifen, der hohe Kosten verursachte und in Gewalt versunken ist, hat es unter Ariel Scharon abgegeben; doch was mit "Judäa und Samaria" geschehen wird, steht in den Sternen. Von dem dort geplanten Palästinenserstaat ist man heute weiter entfernt als zu Beginn der neunziger Jahre. Die Verhältnisse dort fördern Ablehnung, Hass und Gewalt in einem Ausmaß, dessen vorläufiger Höhepunkt die blutige Spirale von Selbstmordattentaten und extralegalen Tötungen gewesen ist.

Mit der von der linken Arbeiterpartei einst angeregten Siedlungspolitik schien Israel seiner strategischen Sicherheit zu dienen und religiös-nationale Verheißungen zu erfüllen, nicht nur die der Revisionisten. Doch längst ist die Siedlungspolitik zu einer riesigen Belastung geworden, die neben zahllosen Menschenleben auch hohe Summen verschlingt. Politisch ist sie eine Katastrophe. Zusammen mit dem annektierten Ost-Jerusalem und dem ebenfalls "eingegliederten" Golan stellt sie den Kern des Nahost-Problems dar. Zudem hat die Rolle als langjährige Besatzungsmacht der israelischen Armee nicht gutgetan. Sie könne zwar Palästinenser unterdrücken, aber nicht mehr richtig Krieg führen, sagten manche Zyniker nach dem Libanon-Feldzug des vorigen Jahres. Ein Weiteres ist die moralische Erosion der Soldaten und Befehlshaber. Vierzig Jahre eine Bevölkerung niederzuhalten - das bleibt nicht ohne Wirkung auf denjenigen, der das tut.

Einig sind sich viele Historiker darin, dass der israelische Sieg von 1967 den Anfang vom Ende des arabischen Nationalismus bedeutete. Der geschlagene Ägypter Nasser wollte nach seiner Niederlage zurücktreten, sein Nimbus war dahin. Drei Jahre später starb er einen einsamen Herztod. "Rückbesinnung auf den Islam" war die neue Parole. Man habe nur verloren, "weil man Gott vergessen" habe und weltlichen Vorbildern des Westens gefolgt sei, schrieb der Libanese Salah al Munadschid damals. Die Muslimbrüder stießen mit Genugtuung in dasselbe Horn. Saudi-Arabien wurde zum neuen Meinungsführer und überreichen Geldgeber.

Zwar sind Islamismus, Dschihadismus und Terrorismus nicht ursächlich mit dem Sechstagekrieg verknüpft (es gab sie schon viel früher), doch Israels glanzvoller Sieg, den die Muslime umgekehrt als weitere "Demütigung des Islam durch den Westen" empfanden, verschaffte den radikalreligiösen Kräften im Islam endgültig jenen Zulauf, den zuvor der Arabismus und Nationalismus gehabt hatten. Die Fortdauer der Besatzung und deren Praktiken erlauben es selbst jenen Muslimen, die des Konflikts überdrüssig sind und eine Regelung wollen, sich mit den Fanatikern zu solidarisieren. Diese beherrschen heute weitgehend das Terrain.

Text: F.A.Z., 06.06.2007, Nr. 129 / Seite 1

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