China und die Spiele

Vor Olympia auf Kollisionskurs

Von Klaus-Dieter Frankenberger

11. April 2008 Die Olympischen Spiele werden in Peking stattfinden, und vermutlich werden sie, anders als die Fackelläufe in westlichen Metropolen, kein Fiasko werden. Aber „heitere“ Spiele? Die chinesischen Machthaber werden sie als Bühne zur Darstellung eines Landes nutzen (wollen), das binnen weniger Jahrzehnte politische und wirtschaftliche Weltgeltung (wieder-)erlangt und welches das Potential hat, die Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden.

Diese Gelegenheit zur Selbstdarstellung - den Chinesen sei der Stolz über „ihre“ Spiele allemal gegönnt - ist Teil des olympischen Betriebs. Man weiß, wohin man Spiele vergibt und wie sie vermarktet werden, auch politisch, gerade in China.

Demonstrationen und Boykottdebatten

Deswegen können sich die Sportfunktionäre heute, nach dem Geschehen in Tibet und angesichts der Reaktionen der chinesischen Führung darauf, nicht über Politisierung, Demonstrationen und Boykottdebatten erst wundern und dann beschweren. Das ist auf lächerliche Weise naiv. Heute ist nurmehr zu fragen, ob die politische Eskalation zurückgedreht und die Veranstaltung mit Anstand über die Bühne gebracht werden kann.

In den Vereinigten Staaten wird Olympia Wahlkampfthema - da könnte eine Dynamik in Gang kommen, die das Menschenrechtsthema mit Grundsätzlichem verbindet. Das Europäische Parlament gibt den Boykott der Eröffnungsfeier zu bedenken und verurteilt die „brutale Unterdrückung tibetischer Demonstranten“.

Und der Präsident des Parlaments, der CDU-Politiker Pöttering, ein bedächtiger Mann, der sich seit Jahren um interkulturellen Dialog bemüht, wirft dem chinesischen Regime „kulturellen Völkermord“ in Tibet vor.

Dämonisierter Dalai Lama

Dieses Regime wiederum lässt den geistlichen Führer der Tibeter, den Dalai Lama, quasi als tibetischen Bin Ladin dämonisieren, ausgerechnet ihn, der sich gegen den Boykott der Spiele ausspricht, der sie China gönnt und dem Peking dennoch jeden Dialog verweigert. Schon die westliche Bitte, doch einen Dialog mit dem Dalai Lama nicht zu verweigern, wird als Unverschämtheit empfunden.

Man weiß ja: China geht der Souveränitätsanspruch über alles. Aber die Ironie der Geschichte ist, dass ein Dialog Peking mindestens so viel nützen würde wie den Tibetern. Auch ein Jahrhundert-Aufsteiger muss sich dazu durchringen, über nationale, ideologische und machtpolitische Schatten zu springen. Die Welt würde das als großes Signal empfinden. Tut er das nicht, kann „Olympia in Peking“ zum Menetekel werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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