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„Et maintenant, il faut faire l'Europe“

Von Rainer Blasius

Premierminister Churchill: “Eine Art Vereinigte Staaten von Europa“

Premierminister Churchill: "Eine Art Vereinigte Staaten von Europa"

23. März 2007 Winston Churchill brachte die neue Lage auf den Punkt, als er am 5. März 1946 in Fulton von einem Eisernen Vorhang sprach, der in Europa niedergegangen sei. Am 19. September forderte er in Zürich: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten“, und zwar unter Führung Frankreichs und Deutschlands.

Dass die Vereinigten Staaten auf die Bedrohung durch die Sowjetunion mit einer Strategie der Eindämmung reagieren wollten, kündigte Washington im März 1947 an. Außerdem brachte der Senator Fulbright eine Resolution ein, die der Kongress verabschiedete: „Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa im Rahmen der Vereinten Nationen“. Dafür stellte der Marshallplan das Signal zum Aufbruch dar.

Auch gegen Deutschland gerichtet

Im Sommer 1947 fand in Paris eine Konferenz über wirtschaftliche Zusammenarbeit statt, an der 16 Staaten teilnahmen. Sie gründeten im April 1948 die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa“ (OEEC), der die Bundesrepublik als 17. Staat im Oktober 1949 beitrat. Ein Großteil der europäischen Staaten war noch nicht bereit, souveräne Rechte zugunsten einer überstaatlichen Einrichtung abzugeben - obwohl Washington diese Hoffnung mit der Marshallplan-Hilfe verbunden hatte.

Außerdem galt es, militärisch der Sowjetunion etwas entgegenzusetzen, wenngleich sich der Brüsseler Pakt vom 17. März 1948 - bestehend aus Großbritannien, Frankreich und den Beneluxstaaten - zunächst nicht zuletzt gegen Deutschland richtete. Immerhin konnten auch die Vereinigten Staaten dem Pakt angehören; das schuf 1949 die Voraussetzung zur Gründung der Nato.

Christlich-abendländische Föderation

Fünf Jahre nach Kriegsende und wenige Monate nach der Wahl Adenauers zum Bundeskanzler schlug der französische Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 die Schaffung der Montanunion vor. Der Schuman-Plan zielte - neben der Kontrolle über die Bundesrepublik - langfristig auf eine Föderation, die auf gemeinsamen christlich-abendländischen Wurzeln der westeuropäischen Staaten basieren sollte.

Unmittelbar bildete der Plan den Auftakt zur ersten sektoralen Vergemeinschaftung. Am 18. April 1951 unterzeichneten Frankreich, die Bundesrepublik, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg den Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Herzstück war die Hohe Behörde, deren Entscheidungen die schwerindustriellen Unternehmen direkt banden. Im August 1952 nahm die Hohe Behörde unter ihrem Präsidenten Jean Monnet die Arbeit auf.

Gedankenspiel Europäische Politische Gemeinschaft

Konnte die im Montansektor erfolgreiche Methode der Zusammenarbeit auf den militärischen Sektor übertragen werden, zumal die westlichen Hauptsiegermächte einen Verteidigungsbeitrag Bonns seit Beginn des Korea-Krieges mehr und mehr als notwendig erachteten? Monnet erstellte ein Konzept, das der französische Ministerpräsident René Pleven dann am 24. Oktober 1950 präsentierte: die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.

Den EVG-Vertrag schlossen die sechs Montanunion-Staaten am 27. Mai 1952. Im Anschluss daran wurde sogar das Projekt einer Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) geprüft. Dieses ging auf eine Anregung des italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi zurück. Vorgesehen war, dass EGKS und EVG schrittweise in der EPG aufgingen.

„Volkswirtschaftlicher Unsinn“

Ende August 1954 ließ Frankreich die EVG scheitern. So endete der erste Anlauf zur europäischen Integration mit einem schweren Rückschlag, was wiederum der Bundesrepublik, als Ersatz, die Mitgliedschaft in der Nato bot. Monnet gab nun einen weiteren brillanten Impuls, der sich auf das Ökonomische konzentrierte. Ihm ging es darum, ähnlich wie bei Kohle und Stahl auch andere Wirtschaftsbereiche zu europäisieren und die friedliche Nutzung der Atomenergie einzubeziehen.

Er fand einen angesehenen Politiker, der bereit war, dies voranzutreiben: den belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak. Der übernahm die Rolle, die Schuman für die Montanunion gespielt hatte. Spaak lud zur Konferenz von Messina ein, die am 1. und 2. Juni 1955 entscheidend zum europäischen Aufbauwerk beitrug.

Integration als Adenauers „Sprungbrett“

Der Spaak-Bericht vom März 1956 zeigte Mittel und Wege zur Schaffung eines gemeinsamen Marktes auf. Bundeswirtschaftsminister Erhard hielt diese Zollunion für „volkswirtschaftlichen Unsinn“; er hätte eine große Freihandelszone bevorzugt, wie sie auch das integrationspolitisch abstinente Großbritannien anstrebte. Im Gegensatz dazu betrachtete Adenauer die Integration als „Sprungbrett“, um „wieder in die Außenpolitik zu kommen“.

Während Frankreich auf seiner Sonderrolle als Atom- und Kolonialmacht beharrte, kamen die Verhandlungen unter Einfluss der internationalen Großwetterlage in Fahrt: durch das von Washington und Moskau erzwungene Ende des Suez-Abenteuers, bei dem Frankreich mitgemacht hatte, sowie dadurch, dass die Rote Armee den Ungarn-Aufstand niederschlug.

Beide Ereignisse stärkten die Auffassung, dass eine Einigung Europas notwendig sei. Der französische Ministerpräsident Guy Mollet nutzte diese Stimmung zu mehr Konzessionsbereitschaft. Das entscheidende Treffen mit Adenauer fand am 6. November 1956 statt. „Et maintenant, il faut faire l'Europe“ - mit diesen Worten gab der 80 Jahre alte Kanzler die Richtung vor, die am 25. März 1957 zu den Römischen Verträgen der Montanunion-Staaten über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Atomgemeinschaft führte. Spaak glaubte zu Recht daran: „Wenn wir Erfolg haben, wird dieser Tag als einer der wichtigsten in die Geschichte Europas eingehen.“ Der für seine Nüchternheit bekannte Adenauer meinte: „Man muss tatsächlich in der Politik manchmal Visionen haben.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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