Kommentar

Das Phänomen

Von Thomas Schmid

04. August 2003 Gerät der Zusammenhalt der Gesellschaft in Gefahr, wenn Lebensgemeinschaften von Homosexuellen staatlich anerkannt werden? Ja, sagt unumwunden Joseph Kardinal Ratzinger. In den "Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen", vom Papst approbiert, ruft der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre zum Widerstand gegen die gesetzliche Anerkennung solcher Lebensgemeinschaften auf.

Man kann aus dem Wunsch von Homosexuellen, ihre Form der Lebensgemeinschaft staatlich anerkannt zu sehen, zweierlei herauslesen: das konservative Streben, der eigenen Lebensweise das Flüchtige, das gesellschaftlich Schattenhafte zu nehmen und ihr schriftlich fixierte Verantwortlichkeit zu geben; und das permissive Streben, der heterosexuellen Ehe ein Schnippchen zu schlagen und das Wertegefüge der Gesellschaft weiter ins Unverbindliche zu verschieben. Jeder Blick aus dem Fenster lehrt, daß man dem Problem nur gerecht werden kann, wenn man beides ins Auge faßt. Homosexuelle Lebensgemeinschaften eignen sich nicht mehr für ideologische Feldzüge - weder für Verteidiger des christlichen Abendlandes noch für jene, die ihm den Todesstoß versetzen möchten.

Das aber ist nicht Ratzingers Haltung. Der Präfekt ist nicht für die offene Seite der katholischen Kirche zuständig, sondern für die Verteidigung ihrer Orthodoxie. Er ist kein Vermittler, sondern ein Krieger Gottes. Während der weniger engagierte Laie in schwulen Lebensgemeinschaften auch ein Moment von Festigung gesellschaftlicher Strukturen erkennt, sieht Ratzinger den Teufel in Ehe-Pantoffeln daherkommen.

Der katholische Katechismus von 1992 schlägt einen anderen Ton an: Eine nicht geringe Zahl von Männern und Frauen sei homosexuell veranlagt (nicht zufällig fehlt die Feststellung bei Ratzinger). Und dann: "Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen . . ." Auch bei Ratzinger ist vom Prinzip der Achtung und der Nichtdiskriminierung von Homosexuellen die Rede. Doch die Art, in der der Autor - der in vielen Schriften bewundernswert für das Paradox des christlichen Glaubens geworben hat - gegen die staatliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften zu Felde zieht, hat etwas Kulturkämpferisches und Gnadenloses.

Als gäbe es die Zentrumspartei noch, ruft Ratzinger die "katholischen Politiker" zum Widerspruch gegen geplante und zum Widerstand gegen schon bestehende Gesetze auf, die homosexuelle Lebensgemeinschaften anerkennen (ist aber Realpolitiker genug, im zweiten Fall dann doch nicht die Rebellion, sondern eine wenig spektakuläre Politik der "Schadensbegrenzung" zu empfehlen). Er unternimmt damit den Versuch, Politiker, die ihrem katholischen Glauben auch Bedeutung für ihre Politik beimessen, unmittelbar für den Vatikan in Dienst zu nehmen. Zudem vergreift sich Ratzinger im Ton: In dem - durchaus kritikwürdigen - Bestreben homosexueller Paare, Kinder zu adoptieren, vermag er nicht den kleinsten Widerschein des von der Kirche stets bekräftigten Kinderwunsches zu erkennen. Er spricht vielmehr von der "Vergewaltigung dieser Kinder in dem Sinn, daß man ihren Zustand der Bedürftigkeit ausnützt".

Der problematische Kern von Ratzingers Argumentation liegt an einer anderen Stelle. Im vatikanischen Kanzleistil empfiehlt der Präfekt "diskrete und nützliche Stellungnahmen", zu denen auch diese gehöre: Man solle "den Staat auf die Notwendigkeit hinweisen, das Phänomen (der faktisch bestehenden homosexuellen Lebensgemeinschaften) in Grenzen zu halten, damit das Gewebe der öffentlichen Moral nicht in Gefahr gerät und vor allem die jungen Generationen nicht einer irrigen Auffassung über Sexualität und Ehe ausgesetzt werden, die sie des notwendigen Schutzes berauben und darüber hinaus zur Ausbreitung des Phänomens beitragen würde". Da spricht ein wenig aufgeklärter Kirchenpolitiker und Missionar. Die Homosexualität, im Katechismus zu Recht als Veranlagung bezeichnet, wird hier zu einer der säkularen Welt inhärenten Tendenz, der immer größere Teile der Jugend anheimzufallen drohten und der mit orthodoxer Propaganda Einhalt geboten werden könne. Das verkennt die Tatsache, daß homosexuelle Orientierung meist kein Ergebnis freier Wahl ist, und ruft an der falschen Stelle zum Kampf gegen das Böse auf.

Ratzingers Motive sind leicht zu erahnen. In etlichen westlichen Staaten, die (wie Frankreich) strikt laizistisch oder (wie Deutschland) von der Koexistenz der beiden großen christlichen Kirchen geprägt sind, finden homosexuelle Lebensgemeinschaften allmählich institutionelle Anerkennung. Ratzinger geht es darum, das Ausgreifen dieser Tendenz, die Spanien, Argentinien oder Italien längst erreicht hat, auf stark katholisch geprägte Länder zu behindern. Sein Vorstoß mag aufschiebende Wirkung haben - umkehren wird er die Entwicklung zum Laizismus hin nicht.

Dessen Anhänger aber sollten erkennen, daß die katholische Kirche gut daran tut, nicht modern zu sein. Ihre Zukunft liegt im scharfen Profil, nicht im Mitlaufen. "Kultur des Lebens" gegen die "Kultur des Todes": Wo es um Frieden, Gerechtigkeit, Amnestie und die Folgen der Globalisierung geht, applaudiert die fortschrittliche Welt dem greisen Papst. Teil der "Kultur des Lebens" ist es indes auch, wenn die katholische Kirche altmodisch darauf besteht, daß Ehepaare "die Aufgabe haben, die Folge der Generationen zu garantieren". Gerade eine liberale Öffentlichkeit, die Wert auf symbolische Grenzziehungen legt und sie einzusetzen weiß, sollte Verständnis dafür haben, daß eine Institution wie die katholische Kirche ihre eigenen Vorstellungen von der Ehe hat und bereit ist, für deren Privilegierung auch einen Propagandafeldzug zu führen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2003, Nr. 179 / Seite 1

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