Von Günther Nonnenmacher
20. Juli 2008 Vor kurzem wurde bekannt, dass zwei Beduinen mit israelischer Staatsangehörigkeit in der Negev-Wüste - wo der Reaktor Dimona, das Zentrum der israelischen Nuklearaktivitäten, steht - festgenommen worden seien, die im Auftrag von Al Qaida Ziele für Terrorangriffe ausgespäht hätten. Zum ersten Mal seien damit mutmaßliche Angehörige dieses Terrornetzes innerhalb Israels identifiziert und verhaftet worden.
Das ist bemerkenswert, denn der israelisch-palästinensische Konflikt steht im Mittelpunkt des Narrativs von Al Qaida, dessen Generalthema die Besetzung arabischen Landes durch Juden und Kreuzfahrer und die Unterdrückung der islamischen Welt durch den Westen ist. Es wäre zu vermuten gewesen, dass Al Qaida unter einer Million israelischer Staatsbürger arabischer Herkunft mehr Anhänger gefunden hätte, von den Palästinensern im Westjordanland und im Gazastreifen zu schweigen.
Streit zwischen Zentrale und Peripherie
Al Qaida hat schon einmal versucht, im engeren Nahen Osten Fuß zu fassen: 2007 verschanzte sich ein Ableger namens Fatah al Islam in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon; diese Gruppe konnte erst nach monatelangen Kämpfen besiegt werden. Bekannt ist, dass es Verbindungen zwischen Al Qaida und dem bewaffneten Flügel der Hamas gibt, doch die Führung der islamistischen Palästinenser-Bewegung hält auf Distanz zu den Propheten des Terrors.
Unter Fachleuten wird erörtert, ob Al Qaida heute ein loses Netz unabhängiger Gruppen sei, die nur noch durch eine die Ideologie signalisierende Marke verbunden seien, oder ob es nach wie vor eine zentrale Führung gebe. Das ist ein Theorienstreit. Al Qaida war von Anfang an eine Koalition arabischer und ägyptischer Dschihad-Organisationen, aus Fraktionen mit unterschiedlicher Koraninterpretation und mit verschiedenen Zielen. Darum gab es auch immer Rivalitäten und internen Streit, etwa zwischen der Zentrale und regionalen Kommandeuren. Doch die Terrorzentrale in den pakistanischen Stammesgebieten, wo sich Bin Ladin und der Chefideologe al Zawahiri aufhalten, ist immer noch der Ort, an dem die meisten Kämpfer für den weltweiten Dschihad indoktriniert und ausgebildet werden.
Dazu gibt es Filialen in der ganzen Welt: in den arabischen Golfstaaten, im Irak, im Maghreb, in Ostafrika oder in Indonesien. Sie stehen mit der Zentrale in Kontakt, agieren aber unter ihren lokalen Bedingungen weitgehend autonom. Das hat damit zu tun, dass sich Al Qaida wie ein Parasit von vorhandenen Konflikten nährt: Das gilt für Afghanistan und den Irak wie beispielsweise auch für Algerien. Dort haben sich islamistische Terrorgruppen, die man schon für aufgerieben hielt, 2006 unter Berufung auf Al Qaida neu formieren können. Eine besondere Herausforderung ist diese Terror-Internationale für Europa mit seiner weitgehenden Freizügigkeit innerhalb der EU und mehr als 15 Millionen Muslimen, die oft schlecht integriert sind.
Die Spur führte stets nach Pakistan
Bei der Aufklärung von Anschlägen, auch solcher, die verhindert wurden, zeigte sich stets, dass die Täter oder Planer irgendwann in den Terrorcamps in Afghanistan und Pakistan waren. Besonders beunruhigend ist, dass dabei nicht nur - wie früher - vor allem Araber oder Ägypter ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten. Immer mehr Personen aus Afrika, aus dem Maghreb, mit pakistanischen Wurzeln (in England), aber auch türkischer oder kurdischer Herkunft nehmen am Terror-Tourismus nach Pakistan und zurück teil.
Wie ist diese Gefahr zu bekämpfen? Die Wachsamkeit unserer Sicherheitsbehörden (und internationale Zusammenarbeit) einmal vorausgesetzt, muss es das erste Ziel bleiben, die Al-Qaida-Zentrale im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auszuschalten: Dort leben die Symbolfiguren des Dschihad, dort werden Terrorismuslehrlinge durch die Ausbildungslager geschleust. Zu zerstören ist diese Infrastruktur letztlich nur militärisch, was angesichts der schwierigen Topographie der Region und der zwielichtigen Rolle Pakistans leichter gesagt als getan ist. Jedenfalls liegt hier die Rechtfertigung für den Satz, dass Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird.
Der Weg zur Lösung der Konflikte ist weit
Regionale Terrorableger sind am besten mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung zu besiegen. Das zeigt sich am deutlichsten im Irak: In der Provinz Anbar, wo Al Qaida ein Kalifat errichten wollte, ist die Terrorgruppe am Widerstand der lokalen Stämme gescheitert. Diese lehnten sich gegen das brutale Scharia-Regiment auf und verbündeten sich dafür sogar mit den Amerikanern (oder ließen sich wenigstens von ihnen bezahlen). Das beste Mittel wäre natürlich die Lösung der Konflikte, von denen Al Qaida lebt. Aber da ist der Weg weit.
In einer Studie, die langfristige Gallup-Umfragen auswertet, hieß es kürzlich, von den 1,3 Milliarden Menschen in der islamischen Welt hielten sieben Prozent, etwa 90 Millionen, die Anschläge des 11. September 2001 für voll gerechtfertigt. Das ist ein Risikoindikator, auch wenn sich nur ein Bruchteil von ihnen Terrorgruppen anschließt. So bald wird der ideologische Graben jedenfalls nicht zu überbrücken sein.
Text: F.A.Z.