Bayreuth

Meistersinger

Von Eleonore Büning

22. September 2007 Wer in direkter Linie von Richard Wagner abstammt, hat keine Wahl. Ob Fluch, ob Pflicht: auch Urenkelin Katharina Wagner, neunundzwanzigjährige Diva des Klassikbusiness, wird ihr ganzes Leben dem Wagnerschen Werk weihen wollen.

Seit sie in diesem Sommer zum ersten Mal selbst auf dem Festspielhügel inszenierte - eine „Meistersinger“-Lesart, die von Wagnerianern wie Kritikern als ein öffentliches Bewerbungsschreiben um die Festspielleitung verstanden wurde, wispert es durch alle Wagnerverbände: Wird diese schockierend selbstbewusste Walküre 2013 den nächsten Bayreuther „Ring des Nibelungen“ inszenieren? Hält Festivalleiter Wolfgang Wagner, mit achtundachtzig Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst, so lange durch, bis das Töchterchen fest als Nachfolgerin im Sattel sitzt?

Die schlagkräftigste Hilfstruppe

Schafft es Katharina, auch noch den paritätisch von Bund, Land, Bezirk, Stadt und Wagnerstämmen besetzten Stiftungsrat so mit Argumenten zu umgarnen, dass die familiäre Konkurrenz, Kusine Nike und Halbschwester Eva, aus dem Rennen fallen? Nun ist es verkündet: Katharina Wagner bewirbt sich offiziell um die Festspielleitung. Sie schickte kein Einschreiben an den Stiftungsrat. Sie erklärt sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zugleich hat sie die denkbar schlagkräftigste Hilfstruppe mobilisiert: den Bayreuth-erfahrenen Dirigenten Christian Thielemann, derzeit (noch) Chef der Münchner Philharmoniker.

Wolfgang Wagner kennt das Konzept der beiden, er ist einverstanden. Mehr noch: Er wäre, lässt er ausrichten, für eine „einvernehmliche Regelung“ zu haben. In klarer fränkischer Prosa heißt das: Spricht sich der Stiftungsrat auf seiner nächsten Sitzung am 6. November für Katharina als neue Leiterin aus, tritt der Alte freiwillig ab. Und zu allem Überfluss muss der Stiftungsrat auch noch aus der Zeitung erfahren, dass man ihn ein wenig unter Druck setzt. Malen die Kandidaten zunächst für die nahe Zukunft ein neues goldenes Zeitalter aus, mit wirtschaftlicher Prosperität und der Rückkehr des wahren Wagnergesangs nach Bayreuth, ziehen sie anschließend blank und drohen: „U.A.w.g.“, man werde nicht ewig warten. Vielleicht ist der Stiftungsrat nun so verschreckt, dass sich eine Stimmenmehrheit findet. Und wenn nicht? Auch gut. Dann wird Wolfgang Wagner einfach weiterleben, wenn es sein muss, abermals achtundachtzig Jahre.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, Kay Herschelmann

 
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