22. Dezember 2003 wgl. Dieses Jahr endet im Nahen Osten so hoffnungslos wie die Jahre zuvor. Die Erwartungen, die im Frühsommer nach den Gipfeltreffen von Scharm al Scheich und Taba zwischen Scharon und - dem inzwischen durch Ahmed Qurei ersetzten - Mahmud Abbas sowie dem amerikanischen Präsidenten Bush geweckt worden waren, sind enttäuscht worden. Sie ertranken, wie die kurzfristige palästinensische Waffenruhe des Sommers, die "Hudna", in neuen Gewalttaten beider Seiten, die sich wechselseitig die Schuld dafür geben. Die "Wegekarte" zum Frieden, welche Israelis und Palästinenser eigentlich beschreiten wollten, endet an jenem Sperrzaun, den Israel gegenwärtig gegen den palästinensischen Terrorismus errichtet.
Getrogen hat auch die Hoffnung, nach einem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein werde sich die Lage in der Region so sehr wandeln, daß ein Nahost-Friede davon sichtbar gefördert würde. Nun befindet sich Saddam in der Hand der Sieger, doch der Widerstand gegen diese ist so stark, daß der größte Teil der militärischen und administrativen Anstrengungen zunächst einmal für eine Sicherung des Friedens im Irak aufgewendet werden muß.
Weder Israelis noch Palästinenser können ihren "asymmetrischen" Krieg gewinnen. Das wissen jene unter ihnen, die sich unlängst auf die "Genfer Initiative" eingelassen haben. Doch von ihr führt leider kein direkter Weg in die praktische Politik. Immerhin ist bemerkenswert, daß 13 Angehörige von "Sajeret Matkal", der Elite unter Israels Militär, nicht länger an Aktionen teilnehmen wollen, welche die Menschenrechte der Palästinenser mißachten. Zuvor hatten schon 27 Piloten ihre Gewissenszweifel angemeldet, wohl wissend, daß dies als Befehlsverweigerung geahndet wird. Wie hoch ist die Dunkelziffer, die sich hinter solch "aufmüpfigem" Verhalten verbirgt? Es mag etliche Soldaten mehr geben, die ebenso denken, doch vor dem letzten Schritt zurückschrecken. Es stimmt traurig, daß solcherart Selbstzweifel unter den Palästinensern als "Verrat" gälten, jedenfalls wenn sie öffentlich vorgebracht würden. Hamas-Führer Scheich Jassin jedenfalls traut dem israelischen Ministerpräsidenten Scharon sowenig wie dieser ihm. Dabei wird es vorerst auch bleiben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003, Nr. 298 / Seite 1