Leitglosse

Die Rechnung

06. Februar 2007 Dt. Spätestens seit dem Anbruch rot-grüner Zeiten halten sich die Deutschen für besonders umweltbewusst und ihre Regierung für ökologisch vorbildlich. Klaglos zahlen sie mit der Stromrechnung ihren (verdeckten) Wind- und Sonnenpfennig. Mit großer Zustimmung verfolgten sie die Kampagne für das Kyoto-Protokoll und das Werben für einen weltweiten Klimaschutz. In der EU ließen sie alle anderen Länder bei der Senkung der Kohlendioxidemissionen hinter sich.

Doch vom EU-Umweltkommissar Dimas bekommen die Deutschen jetzt zu hören, dass sie sich nicht zu viel einbilden sollten auf ihre ökologische Bilanz. Für die Zukunft hätten sie sich viel zu bescheidene Ziele gesetzt; insbesondere in der Entwicklung emissionsarmer Autos seien sie nicht ehrgeizig genug. Dimas, der gerade seinen Dienst-Mercedes ostentativ gegen eine japanische Nobelkarosse mit Hybridantrieb getauscht hat, will die deutsche Industrie auf administrativem Weg kurzfristig zwingen, weniger Kohlendioxid auszustoßen. Bis zum Jahr 2050 soll die EU sogar nur noch ein Fünftel der Menge in die Luft blasen, die 1990 emittiert wurde. China, das schon heute weit verschwenderischer mit fossilen Energieträgern umgeht als die EU, schaut dem europäischen Treiben interessiert zu und fühlt sich nicht angesprochen. Tatsächlich hat allein das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren alle Anstrengungen der Kyoto-Zeichnerstaaten zunichtegemacht.

Vielleicht ist es doch nicht so weit her mit der oft beschworenen "Versöhnung von Ökonomie und Ökologie". Die Beliebtheit von Politikern, die für den Umweltschutzgedanken werben, verflüchtigt sich alsbald, wenn sie - wie Dimas - dem Volk die Rechnungen dafür präsentieren. Für die höheren Strompreise bekamen die Verbraucher immerhin noch ein gutes Gewissen - sogar wenn sie sich dann doch einen Benzinfresser zulegten. Was bekommen sie, wenn sie jetzt auch noch mehr Geld für (technisch aufwendigere) Autos hinlegen, langsamer fahren, weniger fliegen sollen? - Wut auf die Politik, die ihnen all das zumutet. Deshalb verstecken sich auch deutsche Politiker gern hinter einem Umweltkommissar, der keine Wahlkämpfe bestreiten und sich nicht zur Wahl stellen muss, und hinter einer Industrie, die angeblich ihre Selbstverpflichtungen nicht erfüllt.

Text: F.A.Z., 07.02.2007, Nr. 32 / Seite 1

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche