Kraftwerke

Die Kohle muß her

Von Daniel Mohr

Der CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken ist umweltschädlich

Der CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken ist umweltschädlich

03. April 2006 Sie sind teuer. Ihr Bau dauert lange. Und sie emittieren so viel Kohlendioxyd (CO2) wie keine andere Energieform. Trotzdem werden sie in Deutschland jetzt wieder gebaut: Kohlekraftwerke. Unter anderem wegen des Atomausstiegs.

Der Kraftwerkspark in Deutschland ist alt. Lange wurde kaum investiert. Jetzt ist dies wieder nötig. „Ein Drittel der deutschen Energieleistung muß bis 2020 ersetzt werden“, sagt Hans-Joachim Meier, Experte für Kraftwerke beim Europäischen Verband der Strom- und Wärmeerzeuger. 40.000 Megawatt an Leistung, Investitionsbedarf bis zu 50 Milliarden Euro.

Falscher Weg

Die Energieversorger treffen nun Entscheidungen, die den Energiemix der Zukunft für mindestens 40 Jahre prägen, denn so lange hält ein neues Kraftwerk allemal. Und sie entscheiden sich verstärkt für Kohle. Von den 21größeren Kraftwerken, die sich derzeit in Bau und Planung befinden, sind zehn Steinkohlekraftwerke und zwei Braunkohlekraftwerke.

„Eine absolute Fehlentwicklung, so lassen sich die Klimaschutzziele nicht erreichen“, schimpft Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Ein modernes Braunkohlekraftwerk emittiert 930 Gramm CO2 je produzierter Kilowattstunde Strom, Steinkohlekraftwerke 730 Gramm. Bei Gaskraftwerken sind es dagegen nur 340 Gramm. Zudem dauert der Bau von Kohlekraftwerken länger als der von Gaskraftwerken und ist etwa doppelt so teuer.

Kohle besonders geeignet

Trotzdem bauen die Energieversorger wieder kräftig Kohlekraftwerke. Dafür gibt es zwei Gründe. Der Energiebedarf Deutschlands ist im Zeitablauf nicht konstant. Es gibt eine Grundlast, die permanent benötigt wird, eine Mittellast und eine Spitzenlast. Bisher sind vor allem Kohle- und Atomkraftwerke für die Grundversorgung zuständig.

Bei einem Ausstieg aus der Atomenergie bleibt nur die Kohle als für die Grundlast besonders geeignete Energieform. Zwar wäre auch Gas für die Grundlast geeignet, ist bereits jetzt aber für die Mittel- und Spitzenlast zuständig. „Wenn wir alles mit Gas machen, wird die Abhängigkeit zu groß“, sagt Hans-Joachim Meier.

Kohle ist schlecht fürs Klima

Dies ist der zweite Grund für den Bau von Kohlekraftwerken. Mit Braunkohle kann sich Deutschland zu 100 Prozent selbst eindecken, bei Steinkohle sind es derzeit knapp 40 Prozent. Gas hingegen wird zu 83 Prozent importiert - aus politisch wenig stabilen Regionen. Außerdem sind die Gaspreise im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt. Die Kohlepreise sind da besser kalkulierbar.

Aus Sicht des Klimaschutzes ist der Kohlekraftwerksbau jedoch höchst bedenklich. „Bei der zweiten Runde des Emissionshandels ab 2008 müssen die Kohlekraftwerke restriktiver behandelt werden als bisher, sonst kann man sich das System auch gleich schenken“, sagt DIW-Expertin Kemfert. Bislang werden die Kraftwerke mit den Emissionsrechten ausgestattet, die sie brauchen. „Damit werden hohe Emissionen bis 2050 manifestiert“, warnt Felix-Christian Matthes, Koordinator des Bereichs Energie und Klimaschutz beim Öko-Institut.

Bedeutung erneuerbarer Energien wird wachsen

Viele Experten verweisen darauf, daß Atomstrom überhaupt keine CO2-Emissionen verursacht. „Wir könnten mit einer längeren Nutzung von Atomstrom die Zeit überbrücken, bis umweltfreundliche Kohlekraftwerke marktfähig sind“, sagt Kemfert. Einen Mix aus emissionsarmen Kohlekraftwerken (siehe Infografik) und erneuerbaren Energien hält sie für erstrebenswert.

Die Bedeutung erneuerbarer Energien im Energiemix wird nach einhelliger Meinung deutlich wachsen. Durch Wind, Wasser, Biomasse, Fotovoltaik, Geo- und Solarthermie wird die deutsche Energieversorgung weniger abhängig von Gas- und Ölimporten. Die Studie „Ökologisch optimierter Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland“ des Bundesumweltministeriums kam zu dem Schluß, daß erneuerbare Energien in der Zukunft mehr als die Hälfte des deutschen Primärenergiebedarfs decken könnten.

Ziel lautet Kostensenkung

Die CO2-Emissionen dieser Art von Energieerzeugung sind null. Außerdem hat Deutschland in diesem Bereich gute Chancen, die Technologieführerschaft auszubauen und damit erfolgreich auf Exportmärkten zu agieren. Denn eines ist auch allen klar: Fotovoltaik-Anlagen sind in Deutschland gut und schön, dienen jedoch in erster Linie der Erprobung und Entwicklung einer Technologie, die in den Sonnenregionen dieser Erde sehr viel effektiver eingesetzt werden kann.

Problematisch sind bei den erneuerbaren Energien noch die hohen Kosten. „Wir kaufen derzeit Technologien in den Markt, die 2030, 2040 enorm wichtig sein werden“, sagt Matthes vom Öko-Institut. „Wir sollten uns aber nicht bestimmte Anteile an alternativer Energieerzeugung als Ziel setzen, sondern Kostenreduzierung.“ In einem Suchprozeß werden sich dann die marktfähigen Lösungen durchsetzen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 45
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb

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