28. Juni 2004 oll. Es gibt kaum einen deutschen Politiker, der von Anfang an so klar gesehen hätte, wie entstellend die Rechtschreibreform auf Sinn und Sprache wirkt, wie der niedersächsische Ministerpräsident Wulff. Angesichts der verbreiteten Rechtschreibanarchie ist er nun mit dem mutigen Vorschlag an die Öffentlichkeit getreten, die Rechtschreibreform in der Ministerpräsidentenkonferenz zu erörtern. Denn von den Kultusministern ist eine grundlegende Korrektur oder gar Rücknahme der Neuerungen nicht mehr zu erwarten. Sie hatten in ihrer Mainzer Entscheidung Anfang Juni nur eine Verlängerung des Rechtschreibchaos um weitere fünf Jahre und einen "Rat für die Rechtschreibung" beschlossen. In fünf Jahren haben sich viele Gewohnheiten eingeschliffen, und das Bewußtsein für die bewährte Schreibung ist weiter geschwunden.
Wenn es hingegen bald eine unbürokratische und rasche Umkehr geben sollte, wäre der Schaden jetzt noch vergleichsweise gering. Doch der Mut eines einzelnen genügt nicht. Die Rechtschreibreform ist kein parteipolitisches Thema. Deshalb kommt nun alles darauf an, daß Wulff und sein saarländischer Kollege Müller nicht die einzigen Rufer in der Wüste bleiben.
Für die Politiker steht ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, auch wenn die meisten der Überzeugung sind, sie hätten wichtigere Probleme zu lösen. Für die Mehrheit der Bevölkerung, die mit der neuen Schreibung nichts anfangen kann, sie Umfragen zufolge sogar ablehnt, zeigt sich - auch - am Fortgang der aufgezwungenen Reform, ob die gewählten Volksvertreter den Willen der Bevölkerung zu beherzigen bereit und imstande sind. Der Aufruhr unter denjenigen, die mit Sprache umzugehen wissen, ist groß und geht durch alle Schichten und Parteien. Wie lange wollen die politisch Verantwortlichen darüber hinwegsehen? Die Ministerpräsidenten sind die einzigen, die der Hinhaltetaktik der Kultusministerkonferenz bei der Rechtschreibreform beherzt ein Ende setzen könnten. Die Bundesregierung müßte dann ihren Teil dazu beitragen, indem sie den deutschen Sonderweg mit Österreich und der Schweiz verhandelt. Nichts wäre für politische Initiativen hilfreicher als ein mutiger Entschluß weiterer Tageszeitungen oder Zeitschriften, zur bewährten Schreibung zurückzukehren.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2004, Nr. 148 / Seite 1
