29. Mai 2007 Die große Party rund um den großen Zaun von Heiligendamm hat längst begonnen. In den nächsten zwei Wochen wird die Dröhnung noch einmal zunehmen: von Herbert Grönemeyer bis zu den Fantastischen Vier - lauter alte Bekannte. Der Markt der Protestmöglichkeiten kennt keine Grenzen. Bei den Christen gibt es eine Gebetskette, vom "Globalisierungskritischen Bündnis" werden Massenblockaden veranstaltet, und die IG-Metall-Jugend organisiert ein Zeltdorf.
Lustig ist das alles nur in Maßen. Die Politik bangt, es könnten unschöne Bilder aus Deutschland um die Welt gehen, die Öffentlichkeit macht sich Sorgen um den Rechtsstaat, und die Polizei fühlt sich heute schon überfordert. Dass es nach anfänglichen Ängsten letztlich wieder so heiter werden könnte wie im vergangenen Fußballsommer, glaubt niemand. Und niemand weiß, ob sich eine Eskalation wie in Seattle und Genua vermeiden lässt.
Die Demonstranten überschätzen das Treffen grotesk
Eines freilich ist heute schon gewiss: Mit der Globalisierung hat der ganze Zirkus wenig zu tun. Wenn die Protestgemeinde meutert, weil die Staatslenker der wichtigsten Industrienationen ohne demokratische Legitimation über das Wohl der Menschen auf der ganzen Welt entscheiden, dann überschätzen sie das Treffen grotesk. Und zugleich ignorieren die Kritiker geflissentlich, dass die Globalisierung der letzten 25 Jahre der ganzen Welt bislang ungeahnten Wohlstand beschert hat. Seit 1980 hat sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Weltbevölkerung verdoppelt. 450 Millionen Menschen wurden aus tiefster Armut befreit, und die mittlere Lebenserwartung der Menschheit liegt heute bei 65 Jahren.
Verantwortung dafür trägt genau jener Kapitalismus, den die Protestierer von Heiligendamm verwünschen und von dem Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, man müsse seiner Fratze nachträglich ein menschliches Gesicht aufmalen. Dabei entwickeln sich die Märkte am prächtigsten gerade dort, wo es vor 25 Jahren die wenigsten erwartet hätten: im sozialistischen China und im bürokratischen Indien. Soll man es unmenschlich nennen, dass allein in China in diesem Zeitraum die Zahl der Armen (jene, die täglich nicht mehr als zwei Dollar zur Verfügung haben) von 260 Millionen auf 42 Millionen schrumpfte? Auch der Hinweis auf wachsende Ungleichheiten - arme Bauern und reiche Städter - kann schwerlich zum Argument gegen die Globalisierung missbraucht werden. Wirtschaftliche Revolutionen, bei denen die Wohlstandsgewinne gleichmäßig verteilt waren, hat die Geschichte bislang noch nicht erlebt. Nicht jeder profitiert im gleichen Maße. Aber soll man die ganze Menschheit deshalb zu Gleichheit und Armut verdonnern?
Afrika wird um seine Entwicklungschancen betrogen
Nicht gegen, sondern für die Globalisierung müssten die Demonstranten in Heiligendamm kämpfen, nähmen sie ihren moralischen Impetus ernst. Denn überall dort, wo sich Länder der Globalisierung verweigern, werden sie um ihre Entwicklungschancen betrogen. Das zeigt vor allem Afrika, jener Kontinent, der auf der G-8-Agenda ganz oben steht und dem die Welt statt mit Marktwirtschaft mit Planwirtschaft (genannt Entwicklungshilfe) beizukommen sucht. 600 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe haben die Länder Schwarzafrikas seit ihrer Unabhängigkeit erhalten. Von einem "vergessenen Kontinent" kann angesichts dieses Finanzvolumens keine Rede sein. Genützt hat das alles nichts. Das Pro-Kopf-Einkommen stagniert seit Dekaden; teilweise sind die Lebensbedingungen heute sogar schlechter geworden.
Afrika ist die eigentliche Katastrophe der Welt, nicht die Globalisierung. Afrika ist nach der Kolonialisierung jetzt schon zum zweiten Mal die "Bürde des weißen Mannes" (Rudyard Kipling). Unverständlich bleibt, warum die Gutmeinenden jetzt immer noch mehr Entwicklungsgelder fordern. Längst flehen sogar afrikanische Ökonomen den Westen (und China) an, den Geldfluss abzustellen. Denn Entwicklungshilfe macht Menschen zu Bettlern: Sie werden abhängig, korrupt, und das eigene wirtschaftliche Engagement bleibt gelähmt. Ein armes Land, das sich aus Entwicklungsgeldern finanziert anstatt aus den Steuern seiner Bürger und Unternehmen, entwickelt keine Märkte und schickt seine Eliten lieber in das planwirtschaftliche Hilfegeschäft. Das alles ist keine neoliberale Ideologie, sondern bittere Erfahrung der afrikanischen Geschichte.
Gegen Zoll- und Handelsschranken sollte protestiert werden
Das heißt nicht, der Westen solle sich aller politischen Aktivität enthalten und nur die Dynamik der Märkte wirken lassen. Es gibt genug zu tun. Europa müsste sich endlich vollkommen für die Produkte der armen Länder öffnen und dürfte Endprodukte nicht gegenüber Rohstoffen benachteiligen. Das mögen Politiker nicht so gerne hören, denn es könnte die Privilegien ihrer Landwirte berühren. Deshalb lohnt es sich, zumindest das ein oder andere Transparent gegen die westlichen Zoll- und Handelsschranken vor dem Zaun in Heiligendamm zu postieren. Es wäre das Signal dafür, dass Globalisierung als Entmachtungsstrategie von Besitzständen in reichen Ländern wirkt.
Es ist nicht wahr, dass die Globalisierung die Gestaltungsmacht der Regierungen beschneidet. Es ist ebenso wenig wahr, dass zwischen Schwellenländern und Industrienationen ein Krieg um Wohlstand tobt. Überall dort, wo Politiker ihr Handwerk gut ausüben ("good governance"), ihren Bürgern Bildungschancen eröffnen und ihren Unternehmen die Luft zum Atmen lassen, wird es Profiteure der Globalisierung geben.
Text: F.A.Z., 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 1
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