Von Klaus-Dieter Frankenberger

Der Forderung, die chinesische Führung solle in einen Dialog mit dem Dalai Lama eintreten, haftet etwas Treuherzig-Irreales an
22. März 2008 Die Forderung aus dem Westen, die chinesische Führung solle in einen Dialog mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter eintreten, ist vermutlich die einzige, die man erheben kann - und doch haftet ihr etwas Treuherzig-Irreales an. Und das hat mit der Haltung Pekings zur Tibet-Frage und zum Dalai Lama zu tun. Denn was sollte es zu besprechen geben mit einem Mann, der als Wolf in Mönchskutte verspottet und als Anstifter zum Separatismus beschimpft wird und dessen Aufrufe zur Gewaltlosigkeit systematisch ignoriert werden?
Groß ist der chinesische Hass auf den Dalai Lama, dessen moralische Autorität durch die Kolonisierung Tibets noch größer geworden ist. In dieser Autorität versinnbildlicht sich der Überlebenswille eines Volkes, das seit Jahrzehnten von einem kommunistischen Regime drangsaliert wird. Selbst der zaghafteste Autonomiewunsch wird mit Brutalität beantwortet. Der Separatismusverdacht rechtfertigt offenkundig jedes Mittel. Unter diesen Umständen käme Pekings Einwilligung in einen Dialog einer sensationellen politischen Kehrtwende gleich. So viel Einsichtsfähigkeit kann man selbst - oder gerade - im Jahr der Olympischen Spiele nicht erwarten.
Menschenrechte? Nichts für Investoren
Der Westen erlebt jetzt, wie wenig seine Werte in Peking zählen. Die Empörung über das chinesische Vorgehen hält man dort für lächerlich oder für unzulässige Einmischung (das ist der Standardabwehrreflex aller Diktaturen). Das aber haben wir uns zum Gutteil selbst zuzuschreiben: In der Bewunderung für den Aufstieg Chinas zur Großmacht, an dem der Westen maßgeblich beteiligt ist, wurde der Charakter des Herrschaftssystems gern übersehen. Menschenrechte? Etwas für Idealisten, nichts für Investoren.
Aber gerade wer Gesichtswahrung den Chinesen zubilligt, darf die eigene Selbstachtung nicht aufgeben. Wir müssen nicht unbedingt an einer Sportveranstaltung teilnehmen, deren Hauptzweck der Prestigegewinn für einen Veranstalter ist, der den Tibet-Konflikt militärisch lösen möchte. Und ob westliche Politiker den Dalai Lama empfangen, entscheiden gewiss nicht die Herrscher in Peking, die gern Theater machen, wie im Herbst gegenüber der Bundesregierung - und sich bestätigt sehen, wenn das Diplomatenzittern ausbricht. Musste Berlin Peking ausdrücklich bestätigen, dass Tibet Teil Chinas sei? War der Preis dafür, dass China uns, nicht den Tibetern, wieder gut ist, nicht zu hoch?
Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite 1
Bildmaterial: AFP