40 Jahre Prager Frühling

Von Breschnew zu Putin

Von Karl-Peter Schwarz

Budapest 1956? Grosnyj? Gori 2008? Ein sowjetischer Panzer im Prager Stadtteil Vinohrady (Weinberge) am 21. August 1968 - bei russischen Einmärschen gleichen sich die Bilder

Budapest 1956? Grosnyj? Gori 2008? Ein sowjetischer Panzer im Prager Stadtteil Vinohrady (Weinberge) am 21. August 1968 - bei russischen Einmärschen gleichen sich die Bilder

Der 21. August 1968 liegt uns heute, zwei Wochen nach dem Beginn der russischen Aggression gegen Georgien, näher als vor zehn Jahren. Damals, als Boris Jelzin an der Spitze des Kremls stand, hatte es den Anschein, als sei die gewaltsame Besetzung der Tschechoslowakei ein gänzlich abgeschlossenes Kapitel der europäischen Geschichte, das man getrost den Historikern überlassen dürfe.

Als sich die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ zum 30. Mal jährte, hatten die ostmitteleuropäischen Länder den Warschauer Pakt verlassen und befanden sich auf dem Weg in die Nato und in die EU. Die Sowjetunion hatte sich aufgelöst. Der Kreml versuchte unter enormen Schwierigkeiten, das wirtschaftlich am Boden liegende Russland unter demokratischen Vorzeichen zu stabilisieren. Eine neue Friedensordnung zeichnete sich ab. Die Gefahr, dass sich militärische Aggressionen gegen souveräne Staaten von der Art des 21. August 1968 in Europa wiederholen könnten, falls sie sich aufgrund ihrer freien Entscheidung aus dem russischen Hegemonialbereich lösen sollten, schien gebannt zu sein.

Ideologischer Bankrott

Russische Panzer in Gori

Russische Panzer in Gori

In gewissem Sinne ist der 21. August tatsächlich vergangene Geschichte. Die einst heftig geführten Diskussionen darüber, ob der Kommunismus reformiert werden könne, hat sein ökonomischer, politischer und ideologischer Bankrott mittlerweile erübrigt. Mit dem Einmarsch in die Tschechoslowakei hatte das Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bestätigt, dass totalitäre System nicht demokratisierbar sind, sondern sich entweder mit Gewalt behaupten oder zusammenbrechen. Endgültig durchsetzen konnte sich diese Einsicht allerdings erst zwanzig Jahre später.

Auch über die Frage, ob Sozialismus mit Freiheit und Demokratie vereinbar sei, dürfte es seit dem Ende des Prager Frühlings eigentlich keine Debatte mehr geben. Er war es nie und wird es nie sein, was auch immer links geflötet wird, denn Freiheit kann es nicht geben, wenn das Eigentumsrecht durch Zwangsmaßnahmen beschnitten wird.

Wenn die Sowjetunion 1968 in der Tschechoslowakei nicht eingegriffen hätte, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit schon 1969 geschehen, was erst zwanzig Jahre später geschah: Das kommunistische Regime hätte abtreten müssen, weil es nicht in der Lage gewesen wäre, den Anspruch der Bürger auf Pluralismus, uneingeschränkte Freiheit der politischen Betätigung und ökonomische Prosperität zu erfüllen. Nicht die reformkommunistischen Systemkorrekturen, sondern die immer radikaleren Bestrebungen der tschechoslowakischen Gesellschaft zwangen das sowjetische Politbüro zum Eingreifen. Dubcek und Genossen waren nicht mehr in der Lage, Breschnews Minimalforderung zu erfüllen. Die Macht entglitt ihnen, sie konnten die Aufrechterhaltung der sozialistischen Ordnung nicht mehr glaubwürdig garantieren.

Karneval war anderswo

Fast schon vergangene Geschichte ist schließlich die Kontroverse über die vermeintlichen Gemeinsamkeiten der Achtundsechziger im Osten und im Westen. Zwar gibt es immer noch Leute, die meinen, deutsche und französische Linksradikale hätten die gleichen oder wenigstens ähnliche Ziele verfolgt wie die tschechoslowakischen Studenten und Intellektuellen. Doch die einen gingen auf die Straße, um den Sozialismus einzuführen, die anderen, um ihn abzuschaffen. Es war bitterernst, was in der Tschechoslowakei vor sich ging; Karneval war anderswo.

Was die sowjetische Führung 1968 umtrieb, war nicht nur die Sorge um die Rettung des Sozialismus, sondern mehr noch die nicht minder berechtigte Furcht, das Abdriften der Tschechoslowakei nach Westen würde das Ende des sowjetischen Imperiums und schließlich auch der Sowjetunion herbeiführen, wie es sich von 1989 bis 1991 tatsächlich vollziehen sollte. Dieses Ende empfindet die alte KGB-Seilschaft, die nach dem Ende der Ära Jelzin die Macht im Kreml ergriffen hat, heute als ähnlich schändlich wie Hitler einst das Versailler Diktat. Putin, der den Zerfall der Sowjetunion für die „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ hält, hat mit der militärischen Intervention in Georgien gezeigt, dass der Kreml nicht mehr gewillt ist, die Zügel aus der Hand zu geben. Er lässt es nicht mehr zu, dass sich Länder in einer geopolitischen Zone, die er für die Seine hält, aus freien Stücken für die Bindung an den Westen entscheiden.

Imperialer Großmachtanspruch

Die russische „souveräne Demokratie“, nach innen hin ein autokratisches und repressives Regime, ist nach außen hin heute ebenso wenig in der Lage, die Souveränität der Nachbarstaaten zu akzeptieren wie vor ihr die Sowjetunion und das Zarenreich. Das ist der wahre Kern des hohlen Geredes über die angebliche russische Furcht, vom Westen „eingekreist“ zu werden, denn von den freien und demokratischen Staaten an seinen Grenzen geht keine Gefahr für Russlands Sicherheit aus.

Gewiss, Russland hat sich dramatisch gewandelt, und es wäre abwegig, wollte man die vielen positiven Veränderungen leugnen. Der imperiale Großmachtanspruch ist jedoch der Gleiche geblieben, und er wird immer noch mit Panzern durchgesetzt, wenn es kleine Länder wagen, sich ihm zu widersetzen. Die Länder der EU und der Nato, die dem sowjetischen Imperium entronnen sind, wissen das.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bohumil Dobrovolský, Helmut Fricke

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