Zukunft der EU

Für ein mächtiges Europa

Von Jacques Chirac

Chirac: „Deutsch-französischer Motor war mein ständiges Anliegen”

Chirac: „Deutsch-französischer Motor war mein ständiges Anliegen”

23. März 2007 Im Zentrum des europäischen Projektes steht die Erinnerung. Die Erinnerung an die europäischen Bürgerkriege, die die Welt zweimal in die Katastrophe führten. Die Erinnerung an die Millionen Opfer der Schoa, an die totalitären Systeme; die Erinnerung an die Zerstörungen unseres Kontinents, an das Leiden der mittel- und osteuropäischen Völker, die hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt waren.

Die Römischen Verträge markierten einen entscheidenden Bruch mit der Vergangenheit des Kriegs und der Unterdrückung, den Sieg der höchsten Werte Europas, den Beginn eines der bedeutendsten Vorhaben der zeitgenössischen Geschichte. Wir müssen stolz darauf sein, gemeinsam das Ideal eines ausgesöhnten Europas verwirklicht zu haben, das auf dem ganzen Kontinent Frieden, Demokratie, Menschenrechte und sozialen Fortschritt verankert und Europa für die gesamte Welt zu einem Modell und einer Kraft des Friedens, der Stabilität und des menschlichen Fortschritts gemacht hat.

Botschaft der Hoffnung und des Vertrauens

Mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Jean Monnet und Robert Schuman leistete Frankreich damals einen entscheidenden Beitrag zur Ausarbeitung der Verträge. Ich erinnere mich, dass deren Unterzeichnung in jenen schwierigen und unsicheren Zeiten für uns eine Botschaft der Hoffnung und des Vertrauens darstellte.

Vor allem die deutsch-französische Aussöhnung, das Werk von General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer, bildete das Fundament dieses Gebäudes. Wie damals sind auch heute die besonderen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern und unseren beiden Völkern der Motor der europäischen Dynamik.

Es ist die Verantwortung der deutschen und der französischen Politiker, diesen Motor instand zu halten. Bei den freundschaftlichen und vertrauensvollen Beziehungen, die ich mit Bundeskanzler Kohl, Bundeskanzler Schröder und Bundeskanzlerin Merkel knüpfte, war dies mein ständiges Anliegen. Alles muss getan werden, damit dieses so besondere und für das reibungslose Funktionieren Europas unersetzliche Verhältnis fortbesteht.

Das europäische Abenteuer fängt erst richtig an

Wenn wir nach der Bedeutung der Integration in der Gegenwart fragen, so stellen wir zunächst fest, dass die Feiern in Berlin zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge ein herausragendes Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas sind. Das europäische Abenteuer fängt erst richtig an. Seine Fortführung ist lebenswichtig. Es ist lebenswichtig für die Erhaltung von Frieden und Demokratie angesichts des nach wie vor möglichen Wiedererstarkens von Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, angesichts der Versuchung der nationalen Abkapselung.

Es ist lebenswichtig für die Bewältigung der Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Der ökologischen Herausforderung - ich freue mich, dass Europa bei der Bekämpfung des Klimawandels global eine Vorreiterrolle spielt; der wirtschaftlichen und industriellen Herausforderung - damit wir unseren Spitzenplatz unter den Wirtschaftsmächten behaupten können; der Herausforderung, die die Solidarität mit Afrika, die Bekämpfung der Armut in der Welt und damit einhergehend die Eindämmung der Migrationsströme darstellen; der Herausforderung des Dialogs der Kulturen angesichts der Gefahr eines Aufeinanderprallens der Zivilisationen; der Herausforderung der multipolaren Welt, in der Europa seiner Verantwortung für den Frieden gerecht werden und seine Werte bekräftigen muss.

Die einzige Antwort auf diese Herausforderungen ist ein mächtiges Europa, dessen Stärke sich auf seine Vielfalt und auf seinen sozialen Zusammenhalt gründet und das der Innovation zugewandt ist; ein Europa, das mit Entschlossenheit seinem politischen Auftrag gerecht wird.

Die Grundlagen sind solide

Ich habe stets darüber gewacht, dass Frankreich seinen Beitrag zur Verwirklichung dieses ehrgeizigen Vorhabens leistet, das in diesen vergangenen zwölf Jahren von der Einführung des Euro, der glücklichen Wiedervereinigung unseres Kontinents, der Schaffung des Europas der Verteidigung, der Stärkung des Europas der Sicherheit und den ersten Schritten des Europas der Ökologie geprägt war.

Selbstverständlich bedauere ich, dass wir die notwendige institutionelle Reform nicht abschließen konnten. Die Grundlagen sind jedoch solide; und die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das europäische Aufbauwerk auch die Geschichte von anscheinend unlösbaren und letztlich dennoch überwundenen Krisen ist.

Ich wünsche, dass sich die Völker Europas am 25. März in Berlin des außerordentlichen Erfolgs, den dieses gemeinsame Werk darstellt, bewusst sind; dass von diesen Feiern für alle eine Botschaft des Vertrauens, des Optimismus und der Hoffnung ausgeht; dass sie sich daran erinnern, dass das, was sie verbindet, entscheidend ist, dass sie mit einem aufgrund der Vielfalt seiner Nationen reichen Europa alle Trümpfe in der Hand haben - vorausgesetzt, dass sie stets dem Geist der Eintracht und der Brüderlichkeit zum Sieg verhelfen.

Der Verfasser ist Präsident der Französischen Republik.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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