Einbürgerungsleitfaden

Die Selbstüberlistung

Innenminister Heribert Rech

Innenminister Heribert Rech

10. Januar 2006 Ein „unbedachter Schnellschuß“, wie der Präsident des Zentralrats der Juden, Spiegel, meint, ist der Leitfaden des baden-württembergischen Innenministeriums für die Einbürgerungsbehörden des Landes nicht. Mehr als ein Jahr lang sind die Fragen an Einbürgerungswillige im Ministerium ausgearbeitet, ausprobiert, besprochen und endlich als Orientierungshilfe herausgegeben worden.

Auch der Zeitpunkt der Herausgabe dürfte nicht ganz zufällig sein. In knapp drei Monaten wird im Ländle gewählt. Und da mußte die Regierung Oettinger, die bislang vorwiegend durch Annäherungsversuche des Sozialministers Renner an die eher CDU-ferne Klientel von sich reden machte, nun auch etwas für ihre Stammwähler tun.

„Gesinnungsschnüffelei“?

Vielleicht werden ihm auch jene noch einmal dankbar dafür sein, die seine Handreichung für mißglückt halten. Denn: So berechtigt die Kritik an „Gesinnungsschnüffelei“ und dem religiös diskriminierenden Charakter des Fragebogens sein mag - erst sein öffentliches Auftauchen hat bewußtgemacht, daß die gängige Praxis der Einbürgerung nicht weniger fragwürdig ist. Das formale Bekenntnis zum Grundgesetz, das üblicherweise per Unterschrift geleistet wird, kann jedenfalls auch kein hinreichendes Kriterium für die „innere Hinwendung“ des Bewerbers zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung sein.

Der baden-württembergische Versuch, hier etwas Licht ins Dunkel persönlicher Einstellungen zu bringen, ist dennoch verfehlt. Einmal macht er sich verfassungsrechtlich angreifbar, weil er allzu offensichtlich auf Angehörige einer bestimmten Religion zugeschnitten ist. Zum andern überlistet sich Innenminister Rech selbst gerade dort, wo er besonders listig sein will.

Wer mit der Frage nach der Einstellung zur Homosexualität herausfinden will, ob ein Vater die Rechtspersönlichkeit seines Sohnes akzeptiert, darf sich anschließend nicht unterschreiben lassen, daß die Frage verstanden worden sei. Und die Frage nach der Haltung zur Zwangsehe müßte eigentlich geklärt sein, bevor der Einbürgerungswillige dem stempelgewaltigen Beamten gegenübersitzt. Zweifel an der Gesinnung des Bewerbers sind nur durch dessen nachprüfbares Verhalten in der Schule, am Arbeitsplatz, im Alltag auszuräumen, nicht durch noch so verfängliche Fragen.

Text: Dt.; F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Staatsbürgerschaft

Bayern entwirft einheitlichen Einbürgerungstest

Stoiber und sein Kabinett erhöhen die Schlagzahl

Das bayerische Kabinett hat am Mittwoch Eckpunkte für Einbürgerungstests beschlossen, die Grundlage für eine bundeseinheitliche Regelung bilden sollen. Die deutsche Sprache soll für die Integration entscheidend sein.

Einbürgerung

Auch Hessen plant Leitfaden

Volker Bouffier: “Integration ist mehr als eine Unterschrift“

Nach Baden-Württemberg will auch Hessen eine Anleitung zur Prüfung von Einbürgerungsbewerbern verpflichtend machen. Das „staatsbürgerliche Rucksackwissen“ über Deutschland solle geprüft werden, so der hessische Innenminister Bouffier.

Einbürgerung

Leitfaden soll überarbeitet werden

Nach einem Jahr will Oettinger den Leitfaden überprüfen lassen

Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger hat in Aussicht gestellt, den von der Opposition scharf kritisierten Gesprächsleitfaden zur Einbürgerung noch einmal zu überarbeiten. Innenminister Rech sagte, der Leitfaden sei keineswegs ein „Schnellschuß“.

Einbürgerung

Leitfragen

Oettinger: „Fragen, damit jedem und jeder klar ist, welche Werte wir haben”

Die Kritik ist heftig, gar von „Gesinnungschnüffelei“ spricht die Opposition. Ministerpräsident Oettinger will dennoch am Gesprächsleitfaden zur Einbürgerung in Baden-Württemberg festhalten.

Dokumentation

„Waren die Täter in Ihren Augen Terroristen oder Freiheitskämpfer?“

FAZ.NET dokumentiert den „Gesprächsleitfaden für die Einwanderungsbehörden“ in Baden-Württemberg.

Einbürgerung

Suggestivfragen zur Weltanschauung

Freitagsgebet in einer Moschee in Deutschland - Sind Koran und Grundgesetz vereinbar?

„Was halten Sie davon, daß in Deutschland Homosexuelle öffentliche Ämter bekleiden?“ Diese und andere Fragen aus dem baden-württembergischen Gesinnungstest für Ausländer, die Deutsche werden wollen, sorgen für Empörung.

Einbürgerung

Bundesländer lehnen „Gesinnungstest“ für Muslime ab

Wie weit geht Integration? Schwimmunterricht für junge Muslimas

Baden-Württemberg steht mit seinem umstrittenen „Gesinnungstest“ für Muslime bundesweit nahezu alleine da. Selbst unionsgeführte Länder wie Bayern oder Sachsen wollen den Leitfaden zur Einbürgerung nicht übernehmen.

Leitfaden

Zwischen Koran und Grundgesetz

Das Innenministerium in Stuttgart verweist zur Begründung des Leitfadens für die Befragung von Muslimen mit Einbürgerungswunsch auf eine Umfrage, in der 21 Prozent der Muslime Koran und Grundgesetz für unvereinbar halten.

Einbürgerung

Der Staat darf differenzieren

Deutschkenntnisse: Für Einbürgerung vorausgesetzt

Wer eingebürgert werden will, sollte sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen und diese unterstützen. Nur in Ausnahmefällen kann die Staatsbürgerschaft wieder entzogen werden.

Leitfragen

Islamische Verbände: Nicht antworten

Der Zentralrat der Muslime hat eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht angekündigt. Mili Görös, die größte islamische Organisation in Deutschland, verspricht in Fällen von abgelehnten Einbürgerungsanträgen Unterstützung.