Kommentar

Jenseits von uns

Von Klaus-Dieter Frankenberger

06. Februar 2005 Wenn über Globalisierung und transnationale Verflechtung gesprochen wird, dann denken nur wenige dabei auch an Afrika. Die großen Entwicklungen, welche die Verflechtungsprozesse in den vergangenen Jahrzehnten angetrieben haben, sind an diesem Kontinent weitgehend vorbeigezogen und haben von dort auch keine Impulse erhalten; die Ausnahmen sind bekannt. Nach Berechnungen der Deutschen Welthungerhilfe haben die afrikanischen Exporte nur noch zwei Prozent Anteil am gesamten Weltexport (bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von immerhin 15 Prozent). Die Hälfte dieser mageren zwei Prozent entfällt auf drei Länder: auf Südafrika, Nigeria und Algerien. Als Ziel ausländischer Investitionen - jenseits des Rohstoffsektors - sind die meisten afrikanischen Länder nicht attraktiv; der Gegensatz zu den aufsteigenden Volkswirtschaften Asiens könnte nicht größer sein. Mit anderen Worten: In der weltumspannenden Arbeitsteilung spielt der Kontinent allenfalls in Nischen eine Rolle; wenn er auffällt, dann allzuoft nur als Ursprung schlimmer Nachrichten.

Der zunehmende Abstand zu den Wachstumszentren spiegelt sich in den Prognosen über globale Machtverteilungen wider: Die wenigsten Voraussagen kämen bei der Aufzählung der künftigen "Pole" auf die Idee, etwa neben China und Indien auch ein afrikanisches Land zu nennen. So weit der Blick reicht - ein großer Machtpol entsteht dort nicht. In der Debatte über eine Ausweitung des UN-Sicherheitsrates werden zwar immer auch zwei afrikanische Anwärter genannt - meistens Südafrika, mittlerweile das Lieblingsland der "ersten Welt", und das zwar äußerst brüchige, aber bevölkerungs- und ölreiche Nigeria. Womit jenseits einer angeblich gewünschten größeren Repräsentativität auch schon die Beweggründe klarwerden.

Diejenigen, die Afrika nicht links liegenlassen wollen, verwenden gerne das Bild vom globalen Dorf. Darin hat natürlich auch Afrika seinen Platz. Das Bild suggeriert eine Idylle, in der Interessengegensätze und Machtungleichgewichte scheinbar zugunsten gemeinsamer Verantwortung, Partnerschaft und des Dialogs aufgelöst werden. Es ist ein schönes Bild, aber es führt nicht wirklich weiter. Das lobenswerte Bemühen, kulturübergreifende Brücken der Solidarität und des Mitgefühls zu schlagen, darf nicht die vielfältigen inner- und zwischenstaatlichen Konflikte verdecken, welche es den afrikanischen Gesellschaften unmöglich machen, Anschluß zu finden. Denn mit der Entkolonialisierung ist die Geschichte nicht zum Ende gekommen. Ihre Fortsetzung liefert vielmehr neuen Stoff für apokalyptische Panoramen und Albträume.

Natürlich gibt es rühmliche Beispiele, und es gibt auch mehr als nur ein oder zwei Oasen hoffnungsvoller Entwicklungen. Aber es hat seinen Grund, warum Afrika nach wie vor als "Krisenkontinent" wahrgenommen wird: Das Spektrum des Unheils, das sich hier geballter entlädt als anderswo, reicht von schlimmster Armut über wuchernde Seuchen bis zu Völkermord und unvorstellbaren Grausamkeiten, deren Hintergrund oft der Kampf um Rohstoffe ist. Die sind mehr Fluch als Verheißung. Das Geschehen im Osten Kongos ist vielleicht das krasseste, jenes in Sudan das aktuellste Beispiel.

Ganze Regionen sind im Dauerkonflikt versunken; westafrikanische Staaten beteiligen sich neuerdings an dieser Selbstvernichtung, deren Merkmale Massenmord, Flucht und Vertreibung sind - womit sie dann, für eine kleine Weile, auf den Radarschirmen der internationalen Politik auftauchen. Und selbst das Aufscheinen dort bleibt politisch allzuoft folgenlos. Der Betroffenheits- und Empörungsrhetorik folgt kein beherztes Einschreiten. Von wem auch? Von der Afrikanischen Union? Mag sie der Westen auch noch so sehr ermuntern, mag er auch noch so sehr ihr Selbstbewußtsein bedienen - was diese Union im Darfur-Sudan-Konflikt bisher zur Eindämmung zuwege gebracht hat, ist erbärmlich. Das Morden wird weitergehen, bis der Konflikt ausgebrannt ist.

Premierminister Blair hat jetzt verlangt, die Aufmerksamkeit der Welt dauerhaft auf Afrika zu richten. Der Bundespräsident hat sich vor einigen Wochen ähnlich geäußert. Angesichts des Elends möchte man ihnen sofort beipflichten. Doch eine karitative Gesinnung ersetzt nicht die nüchterne Analyse. Manche Vorschläge, wie die Massenarmut zu lindern und dauerhaftes Wachstum zu erzielen sei, verdienen ernsthafte Prüfung, andere, wie die Tobin-Steuer, einen Platz in der Ablage, ohne Wiedervorlage.

Der schönste Plan vermag nichts auszurichten, wo die zersetzenden Kräfte von Krieg, Bürgerkrieg und Bandenterror wirken. Da heute nicht mehr verschwiegen wird, daß "schlechte Regierungsführung" die Hauptursache vieler afrikanischer Übel ist, stellt sich die Frage äußerer Hilfe nur im Sinne strenger Konditionalität. Denn warum sollte man afrikanischen "Regierungen" mit der Erhöhung der Alimente, der Entwicklungshilfe, noch dabei helfen, Kriege anzuzetteln, Bevölkerungen auszubeuten, Länder auszuplündern? Im Gegenteil: Das Bestehen auf einer "guten Regierungsführung" muß Voraussetzung der Hilfe sein; dies als neokoloniale Erpressung (korrupter Regime) zu verteufeln ist ideologischer Unsinn von vorgestern.

Der Weg zur tatsächlichen Entwicklung führt nur über den Aufbau staatlicher Strukturen, die mehr oder weniger demokratisch sind, die rechtsstaatlichen Grundsätzen gehorchen, die leistungsfähig und verläßlich sind, auch für potentielle ausländische Investoren. Die Verwaltungsapparate müssen von Korruption und Bevorzugungsunwesen befreit werden. Wenn sich afrikanische Länder auf diesen Weg machen, um Ordnung zu schaffen, dann sollen, dann müssen die reichen Staaten ihnen dabei helfen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2005, Nr. 31 / Seite 1

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Vergleichen Sie jetzt online die Leistungen verschiedener privater Krankenversicherungen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche